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Cipollini, der König der Löwen

Es gibt viele bekannte Pilgerreisen, viele sind religiös motiviert und versprechen am Ende die Erleuchtung. Der Weg von Lidewey van Noord führte 2014 quer durch Italien. Die Religion der niederländischen Journalistin ist der Radsport, ihre Erleuchtung sind die Geschichten, die sie auf ihrer Wallfahrt auf den Spuren der berühmtesten Radsportler der Nation aufsammelte. Cyclin' Blog bringt einen Auszug aus ihrem „Pellegrina“-Buch, der sich dem exzentrischsten Radsportler aller Zeiten widmet: Mario Cipollini.

Das im Covadonga Verlag erschienene Buch gehört zu den schönsten Radsport-Büchern, die 2017 in Deutschland herausgekommen sind. Lidewey van Noord pilgerte zum Geburtshaus von Luigi Ganna, zum Grab von Michela Fanini, zur Videothek von Vincenzo Nibalis Mutter auf Sizilien, sie erzählt von Marzio Bruseghin und seinen Eseln, von Eddy Mazzoleni, der als Dopingdealer aufflog, von Fausto Coppi und seinem Erzrivalen Gino Bartali, natürlich auch von dem tragischen Marco Pantani aus Cesenatico.

 

Für ihr Cipollini-Kapitel besuchte die Autorin Lucca, das Radsport-Walhalla Italiens in der Toskana. Ein Auszug mit freundlicher Genehmigung des Covadonga Verlags.

 

Toskana

 

Lucca

 

… wo Mario Cipollini (1967) an Sommertagen mit nacktem Oberkörper und hochgekrempelten Hosen über die Stadtmauer radelt.

 

Die Fabrik von MOA Sport befindet sich in einer zona artigianale in Mantua. Zona artigianale, das klingt so nach Romantik und nach Handwerk, aber in der Praxis ist es bloß ein Gewerbegebiet mit lauter eintönigen Betonbauten. Wer kurz nach Mittag auf das Areal kommt, gerät in eine Flut von Frauen hinein. Wie durch eine gerade geöffnete Schleuse strömen plötzlich Hunderte von Frauen jeglicher Größe und Statur aus den Betonbauten heraus, verteilen sich zwischen den geparkten Fahrrädern und Autos, steigen auf die Sättel oder in die Wagen, stauen sich in einer langen Schlange vor der Ausfahrt des Geländes und sind dann genauso plötzlich, wie sie aufgetaucht sind, alle wieder verschwunden.

 

MOA Sport ist auf Fahrradbekleidung spezialisiert und gehört mittlerweile zu Nalini. Chef des Unternehmens ist Claudio Mantovani (1943), ein früherer Fußballtorhüter, unter anderem beim AC Mailand. Er hat das Bekleidungsunternehmen von seinem Bruder Cencio Mantovani (1941–1989) übernommen, der selbst aktiver Radsportler war, dann aber bei einem Autounfall ums Leben kam. Hier, in diesem Kubus aus Beton, nähten viele geschickte Frauenhände die aerodynamischen Skinsuits zusammen, die Mario Cipollini zu einer noch größeren Legende machten, als er sowieso schon war. Hier kamen sie alle her: der Zebra-Suit, der Tiger-Suit, der Muskel-Suit und all die anderen auffälligen Outfits.

 

Cipollini beendete seine Karriere im April 2005, nachdem er in jener Saison bereits zwei Siege eingefahren hatte. »Eine Woche vor dem Start des Giro d’Italia ziehe ich mich zurück. Das ist keine leichte Entscheidung. Aber ich weiß sicher, dass die Fans es verstehen werden. Dieser alte Mann findet, dass die Zeit jetzt reif ist, um aufzuhören.« So lautete seine Erklärung. Niemand stellte weitere Fragen, weder über einen eventuellen Zusammenhang mit Doping noch zum Begriff »alter Mann«, der selbst zehn Jahre später auf Cipollini noch nicht zuzutreffen scheint. So blieb es dabei. Cipo ging in Frührente, und basta. Und das war auch gut so, denn Mythen sind immer schöner als die Wahrheit.

 

2008 wagte der alte Mann zur allgemeinen Überraschung jedoch noch einmal ein Comeback. Im Trikot des amerikanischen Rennstalls Rock Racing bestritt er im Februar die Kalifornien-Rundfahrt, wo er bei einer Etappe immerhin noch Dritter wurde, aber schon im März kündigten Cipollini und das Team an, dass sie sich wieder trennen würden. Cipollini ging zum zweiten Mal überraschend in Ruhestand. Seitdem konzentriert er sich voll auf seine eigene Fahrrad- und Bekleidungsmarke.

So inszeniert sich Mario Cipollini heute im Dienste seiner eigenen Fahrradmarke. Foto: Webseite Cipollini 

Cipollini wurde in San Giusto di Compita geboren, einem kleinen Ort in der Nähe von Lucca, dem Radsport-Walhalla Italiens. Nicht ohne Grund lassen sich auch viele nicht-europäische Radprofis in dieser toskanischen Stadt nieder. Hier ist fast immer schönes Wetter, und die Umgebung bietet ideale Trainingsmöglichkeiten, ob man nun den Monte Serra erklimmen oder in der Ebene Kilometer bolzen will. Außerdem ist es nicht weit zum Strand, was für Radsportler auch nicht unwichtig ist. Cipollini weiß es ebenfalls zu schätzen; er wohnt heute, nicht weit entfernt, in Monte San Quirico, in den Hügeln nördlich der Stadt. Seine gigantische Villa, in der es unter anderem einen begehbaren Kleiderschrank von der Größe eines durchschnittlichen Wohnzimmers zu bewundern gibt, finanzierte er mit seiner imposanten Karriere im Profiradsport, vor allem mit seinen Sprinterbeinen. Immerhin 191 Siege bei Profirennen gingen auf sein Konto; „allein beim Giro kam er 42 Mal als Erster über die Ziellinie, ein bis dato ungebrochener Rekord. Seine Überlegenheit trug ihm nicht nur einen, sondern gleich eine Trias von Beinamen ein: »Il Magnifico«, »Der König der Löwen« und »Super Mario«. Aber Cipollini setzte bei den Rennen nicht nur seine Beine, sondern seinen ganzen Körper ein. Nicht zufällig lautete deshalb ein vierter Name, der ihm zugedacht wurde, »der schöne Mario«. So verkleidete er sich bei der Tour de France von 1999 als Julius Caesar und ließ sich als Kaiser des Sprints in einem römischen Streitwagen zum Start fahren. Er genoss die Aufmerksamkeit der Medien und der Frauen genauso wie seinen eigenen Status als Sexsymbol. »Wenn ich kein Radprofi geworden wäre, dann Pornostar«, teilte er der Presse einmal mit, nachdem er gerade eine Etappe beim Giro gewonnen hatte.

 

Es gibt vielleicht keinen zweiten Radrennfahrer, der den Giro d’Italia so innig geliebt hat wie Cipollini. Die Tour de France betrachtete er eigentlich immer nur als hinderliche Unterbrechung seiner Ferien. Er hat insgesamt zwölf Etappen der Frankreich-Rundfahrt gewonnen, die Champs-Élysées jedoch nie erreicht. Wenn der Rest des Pelotons in Paris einfuhr, lag er vielmehr schon längst wieder am Strand in der Sonne. Sechs Mal hat er aufgegeben, einmal kam er außerhalb des Zeitlimits ins Ziel, und 1996 wurde er wegen eines übermäßig gefährlichen Sprints aus dem Rennen genommen. Nein, dann doch lieber den Giro. Immerhin vierzehn Mal ging er bei der italienischen Landesrundfahrt an den Start. Sechs Mal blieb er bis zum Ende dabei, und von den sechs Malen gewann er drei Mal die Punktwertung.

 

»Beim Giro d’Italia mitzumachen, war für mich immer ein Fest. Die Tour de France zu fahren, hieß eher, ein Opfer zu bringen und hart zu arbeiten«, sagt Cipollini im Jahr 2010 in einem Porträtfilm, den Studio Sport über ihn gedreht hat. 

 

Er erzählt darin auch von dem rosa Skinsuit, den er zu seinem Abschied getragen hat und auf dem die Blutbahnen im Körper sowie das Herz abgebildet waren. Letzteres, so Cipollini, weil er den Giro immer mit ganzem Herzen gefahren sei. »Der Giro ist für mich das, was den Radrennsport ausmacht. Ich habe mit sechs Jahren angefangen, und das erste Rennen, zu dem mein Vater mich mitgenommen hat, war eine Etappe des Giro. Ich war noch ein richtig kleiner Junge. Und dann sah ich die Fahrer bei einem Zeitfahren vorbeiflitzen, und von dem Augenblick an träumte ich davon, eines Tages einer von ihnen zu sein. Sie waren wie Supermänner für mich, stärker als alle anderen.«

 

Der Sprinter betrachtet den Radsport als kulturelle Errungenschaft, die die Italiener schon über mehrere Generationen hinweg miteinander verbindet. Aber er selbst ließ sich während seiner aktiven Karriere nicht nur von seiner Vaterlandsliebe anspornen, sondern auch von schönen Frauen. Bei der Tour 1999 klebte er ein Foto einer knapp bekleideten Pamela Anderson auf seinen Lenker, und prompt gewann er die Etappe. 2003 war er einer der Moderatoren bei den italienischen Miss-Wahlen. Und wie es sich für einen guten Italiener gehört, hatte der »Kaiser des Sprints« nicht nur ein Faible für hübsche Frauen, sondern auch für exklusive Kleidung. Sein Streben nach Aufmerksamkeit und seine Schwäche für ausgefallene Outfits führten dazu, dass er mehrere Tausend Euro an Bußgeldern zahlen musste, was für sein Team allerdings kein Problem darstellte: Die öffentliche Aufmerksamkeit, die dadurch entstand, machte die Strafen mehr als wett.

 

Außerdem ging es Cipollini durchaus nicht nur um Aufmerksamkeit, sondern er wollte den Radsport von seinem etwas altbackenen Image befreien und ein anderes Publikum erreichen, vor allem auch Frauen und Kinder. Es ärgerte ihn, dass viele Radrennfahrer sich vor der Kamera nicht gut darstellen konnten und immer nur als »erschöpfte Männer« rüberkamen.

 

Als erschöpfter Mann fotografiert zu werden, das wird dem »schönen Mario« vermutlich nie passieren. Er ist immer noch gut in Form – bis zu seinem Tod wird man mit einem weiteren Comeback durchaus zu rechnen haben. An sonnigen Tagen sieht man ihn derzeit in der Gegend rund um Lucca Rad fahren, selbstverständlich ohne Helm, aber dafür stets mit einem treuen Gefolge im Schlepptau. Ob fanatische Amateure oder Profis – neben Cipollini wirken sie alle wie junge Hunde, wie Kinder, die ihrem Vater nacheifern. Fast fünfzig ist er inzwischen, aber die Zeit scheint seinem Körper nichts anhaben zu können. An seiner eingeölten Haut gleiten die Jahre einfach ab. Er krempelt die Hosenbeine hoch, fährt seine Paraderunden über die Stadtmauer von Lucca, und siehe da: Nach jeder Runde ist er wieder ein paar Jahre jünger.

 

 

 

Lidewey van Noord & Robert Jan van Noort: Pellegrina. 413 Seiten, 24,80 Euro, ISBN 978-3-95726-013-0, Covadonga Verlag

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