Lehrstück vom Scheitern eines Radprofis

Es gibt Biografien und Autobiografien zu Sportlern, die das öffentlich bekannte Image des Sportlers fortschreiben, den Ruhm untermauern sollen. Für den Leser sind solche Bücher oft wenig erkenntnisreich, da das Altbekannte meist nur wiederholt wird. Sie bleiben in der Komfortzone – des Lesers, weil sich solche Bücher meist sehr viel schneller konsumieren lassen; des Portraitierten, weil sie an seiner Oberfläche bleiben, sein Selbstbild nur fortschreiben. Daneben gibt es, sehr viel seltener, das Kontrastprogramm: Bücher, die unter die Haut gehen, die Einblicke hinter der Fassade des Protagonisten ermöglichen, auch für den Leser oft unbequem sind, weil unter den beschriebenen Themen unangenehme sind. Vertreter dieser Gattung ist die Autobiografie „Thomas Dekker – Unter Profis“ (Covadonga, 2017), mit der der niederländische Ex-Profi mit sich selbst als ehemals eitlem Kotzbrocken abrechnet – um sich irgendwie reinzuwaschen und geläutert aus dem Prozess der Lebensbeschreibung hervorzugehen. Oder Charles Wegelius' „Domestik“ (Covadonga, 2015), ein schonungsloser Einblick in den Alltag eines Helfers – eine detailreiche Anti-Erfolgsgeschichte, denn hier geht es nicht ums Gewinnen, sondern ums Sich-Unterordnen, ums Leiden im Dienste anderer.

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Letzte Station einer Profikarriere

Bei Bora-Argon18 beendete Dominik Nerz 2016 seine Profi-Laufbahn.

In diese Reihe der erkenntnisreichen, unbequemen, auch aufrüttelnden Sportler-Biografien reiht sich die Geschichte von Dominik Nerz ein. „Gestürzt“ heißt der Titel des im Frühjahr 2019 im Covadonga Verlag erschienenen Buchs von Michael Ostermann über einen früheren Radprofi, der meistens unter seinen Möglichkeiten blieb. Der unter Problemen litt, die im Peloton verbreitet sind. Dessen Biografie nicht das Einzigartige eines Helden, sondern auch Typisches eines Gescheiterten beschreibt – weshalb die Biografie im Untertitel „Eine Geschichte aus dem Radsport“ heißt.

Die Geschichte von Dominik Nerz ist eigentlich schnell erzählt: Der Mann aus Wangen im Allgäu unterschreibt schon mit zwanzig seinen ersten Profikontrakt beim Team Milram, es folgen Engagements bei weiteren Topteams wie Liquigas, BMC und Bora-Argon18. Nerz gilt als eines der größten Talente im Peloton. Als Helfer eskortiert er Vincenco Nibali zum Podiumsplatz bei der Tour, räumt selbst bei der Vuelta in Spanien mit starken Platzierungen ab. Wächst da endlich mal wieder ein deutscher Rundfahrer heran?, fragen die Journalisten.

Wären da nicht die von außemn rätselhaft wirkenden Leistungseinbrüche aus dem Nichts, die Dominik Nerz’ Karriere prägen. Die Gründe werden in dem Buch im Detail rekonstruiert – Nerz litt an Magersucht, an Depressionen, wurde immer wieder abwechselnd von überhöhtem Ehrgeiz und Zweifeln geplagt. Und schließlich folgten immer wieder Stürze, wiederholt auf den Kopf, die Nerz nicht auskurierte – weil er sich stets unter Druck setzte, sich frühzeitig wieder aufs Rad zu setzen. Am Ende beendete Nerz 2016, mit gerade einmal 27 Jahren, seine Profikarriere. Entkräftet, desillusioniert, körperlich und psychisch ein Wrack.

Dominik Nerz - Gestürzt  Eine Geschichte aus dem Radsport  von Michael Ostermann  16,80 Euro  Broschur, 288 Seiten  Covadonga Verlag  ISBN 978-3-95726-037-6

Dominik Nerz - Gestürzt

Eine Geschichte aus dem Radsport

von Michael Ostermann

16,80 Euro

Broschur, 288 Seiten

Covadonga Verlag

ISBN 978-3-95726-037-6

Statt einzig auf die Gespräche mit Nerz selbst zu fokussieren, hat der Journalist Michael Ostermann auch in dessen Umfeld recherchiert und mit Wegbegleitern, mit Nerz’ Familie, Trainern und sportlichen Leitern, Ärzten und Sportpsychologen, mit Fahrerkollegen wie Vincenzo Nibali und Marcus Burghardt gesprochen. „Gestürzt“ ist dank der aufwändigen Ursachensuche ein Lehrstück, das die wenig schillernden Seiten des Profiradsports zeigt und vor den Gefahren solcher Karrieren warnt.

Foto: Jérémy-Günther-Heinz Jähnick, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0