Die einzigartige Ronde van Vlaanderen

Bei den Profis ist die Ronde van Vlaanderen eines der fünf Monumente des Radsports. Ist das dazugehörige Jedermannrennen ebenso monumental?

Foto: sportograf

Foto: sportograf

Um es vorweg zu nehmen: Ja. Verglichen mit anderen Jedermannrennen wie den Cyclassics, Rund um Köln, Lüttich-Bastogne-Lüttich oder Frankfurt-Eschborn besticht der belgische Klassiker durch eine exzellente Organisation, eine unvergleichliche Atmosphäre und tolle Streckenführung. Damit sei nicht gesagt, dass die anderen genannten Rennen bei den Kriterien schlecht abschneiden – bei keinem aber ist das Gesamtergebnis so gut wie bei „We Ride Flanders“.

Bei meinem Flanders-Debüt habe ich mich auf die 174 km lange Strecke gewagt – eine Rekorddistanz für mich, die mich auch teilweise an Leistungsgrenzen brachte. Nach etwa 90 km musste ich fürchten, leistungsmäßig einzubrechen, aber das recht intensive Training im Winter und Frühjahr im Bergischen Land hatte eine gute Grundlage geschaffen – die mich über den toten Punkt hinwegrettete und „sicher“, also ohne größere Krämpfe, ins Ziel brachte.

Entspannte Atmosphäre beim Abholen der Startunterlagen.

Entspannte Atmosphäre beim Abholen der Startunterlagen.

Doch der Reihe nach: Schon beim Abholen der Startunterlagen am Vortag am Qubus in Oudenaarde wurde klar, dass die Belgier ihr Rennen exzellent organisieren. Drei Minuten dauerte es, bis man die Unterlagen ausgehändigt bekam – keine Warteschlange, wie bei vielen anderen Jedermannrennen, und das trotz der 16.000 angemeldeten Fahrer.

Am nächsten Morgen erfolgt der Start ohne festen Zeitpunkt, die Fahrer können innerhalb eines einstündigen Zeitfensters (7 bis 8 Uhr bei meiner Distanz) selbst entscheiden, wann sie die Startlinie passieren. Auf den ersten 70 Kilometern folgen zwar schon einige der charakteristischen Hellinge (Hügel), jedoch noch keiner der berühmt-berüchtigten Scharfrichter. Dafür ist die Kopfsteinpflasterdichte auf den ersten Kilometern so groß wie im gesamten Rennen nicht mehr. Und der Ritt übers Kopfsteinpflaster ist immer unangenehm, ob bergauf, im Flachen oder bergab. Schnell ergeben sich die ersten Ermüdungserscheinungen in den Händen. Bei schnellen Abfahrten übers Kopfsteinpflaster ist einerseits ein fester Lenkergriff gefragt – der andererseits aber dazu führt, dass die Vibrationen noch stärker auf die Knochen durchschlagen. Und doch gibt es zahlreiche Fahrer, die mit doppelt so hohem Tempo unterwegs sind – wie nur? Und was wäre, wenn das Kopfsteinpflaster auch noch nass wäre – was diesmal gottlob wegen des trockenen Wetters ausbleibt?

Gute Einstimmung aufs Rennen: das Museum zum Flandern-Klassiker in Oudenaarde.

Gute Einstimmung aufs Rennen: das Museum zum Flandern-Klassiker in Oudenaarde.

Nach 72 Kilometer der Höhepunkt des Rennens: die Mauer von Geraardsbergen (Muur van Geraardsbergen), rund einen halben Kilometer lang, in der Spitze mit 20 Prozent Steigung – und mit einer hübschen Kapelle auf der Spitze des Oudenberg. Ein historischer Ort, setzen die Profis doch immer wieder hier ihre siegbringenden Attacken an, wie einst etwa Fabian Cancellara im Jahre 2010. Die Stimmung unter den Zuschauern ist exzellent, die Jedermänner und -frauen (leider insgesamt eher wenige: rund 1100 von 16.000) werden frenetisch angefeuert; wer Probleme beim Anstieg hat, wird angeschoben.

Geschafft: Hinter der „Muur“ rollen die Fahrer zur Verpflegungsstation.

Geschafft: Hinter der „Muur“ rollen die Fahrer zur Verpflegungsstation.

Kurz hinter der Muur die zweite von vier Verpflegungsstationen, die allesamt ohne Makel sind. Es gibt die charakteristischen belgischen Waffeln, Obst, isotonische Getränke – von allem so reichlich, dass man nicht lange warten muss, um sich zu versorgen. Zwei der Stationen warten mit einem besonderen akustischen Service auf: wummerndem belgischen Kirmestechno – den Besucher von Cross-Rennen bereits schätzen/leiden gelernt haben.

An den Verpflegungsstationen gibt es viele Waffeln – und eine Überdosis belgischen Kirmes-Techno

Im Feld der Fahrer sind neben Belgiern und Niederländern erstaunlich viele Briten, Franzosen und Italiener unterwegs; 63 Nationalitäten haben die Veranstalter insgesamt gezählt, darunter Fahrer aus Hong-Kong, Taiwan, Niger, Nepal, Mosambique, Indien und Neuseeland. Auch das zeugt von der Einzigartigkeit des Rennens.

Stau am Koppenberg: Die Fahrer werden nur in kleinen Gruppen durchgeschleust, was nicht reicht, um für freie Auffahrten zu sorgen.

Stau am Koppenberg: Die Fahrer werden nur in kleinen Gruppen durchgeschleust, was nicht reicht, um für freie Auffahrten zu sorgen.

Nach 114 Kilometer folgt der schwerste Berg, der Koppenberg – an dem jedoch die erste und einzige „Panne“ passiert. Der Andrang der Fahrer ist so groß, dass sich ein hunderte Meter langer Stau vor dem Koppenberg bildet und die Fahrer nur in kleineren Gruppen zur Auffahrt durchgelotst werden. Die meisten der ausgekühlten Fahrer haben dennoch kaum eine Chance, ohne abzusteigen den Berg hochzufahren – der Andrang ist zu groß. Hier müssen sich die Veranstalter eine andere Lösung einfallen lassen.

Die letzten beiden Höhepunkte des Rennens sind der Oude Kwaremont (mit 2200 Meter der längste der Anstiege) sowie der Paterberg – an beiden Orten jubeln tausende Zuschauer den Fahrern zu, sorgen dafür, dass die letzten Kraftreserven freigesetzt werden und machen das Rennen unvergesslich.

Zum Schluss ein paar weitere Zahlen:

  • Das Gros der Fahrer (5270) absolvierte die 139 km-Strecke, über 4000 die 174 km und nicht weniger als 4550 den 229-km-Parcours; 2150 Fahrer wählten die kurze 74 km-Distanz.

  • Unter den prominenten Jedermännern waren UCI-Präsident David Lappartient, der Klassiker-Abräumer Johan Museeuw, Pippo Pozzato und George Hincapie.

  • An der Strecke standen 389 Streckenposten, 150 Schilder, 260 Mülleimer und 210 Toiletten.

Am Ziel in Oudenaarde – danach gibt es viel Bier und Beats (Kirmes-Techno again).

Am Ziel in Oudenaarde – danach gibt es viel Bier und Beats (Kirmes-Techno again).