Der schönste Jungdino der Radsport-Welt

Der schönste Jungdino der Radsport-Welt

Es gibt sie weiterhin im digitalen Zeitalter: die Print-Dinosaurier, die es trotz Facebook und Twitter, Kindle, Wikipedia und Google geschafft haben zu überleben. Es sind freilich immer weniger geworden als noch im Vor-Internetzeitalter, als hierzulande der inzwischen verstorbene „Brockhaus“ ein Dauergast in deutschen Bücherregalen war. Aber es gibt sie imer noch. Zu nennen ist der „Wisden Cricketers’ Almanack“, die Bibel des Cricket genannt, ein britisches Nachschlagewerk über den Cricketsport, das seit 1864 jährlich erscheint und die Cricket-Welt in Zahlen und Fakten zusammenfasst. Auch in anderen Sportarten gibt es weiterhin gedruckte Jahrbücher, die zumindest für einen Liebhaber-Kreis unverzichtbar sind.

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Seit Ende 2018 hat auch die Radsportwelt ein solches Nachschlagewerk. „The Road Book 2018“ ist der Titel des ambitionierten Unterfangens von Ned Boulting. Der bekannte britische Radsport-Journalist hat gemeinsam mit dem Statistik- und IT-Experten Cillian Kelly auf fast 900 Seiten (2 kg schwer) das gesamte Renngeschehen des Jahres zusammengetragen: sämtliche UCI-Rennen der WorldTour, von der Tour Down Under im Januar bis zur Tour of Guangxi im Oktober, Männer- und Frauenrennen, jeweils mit Zusammenfassungen des Rennverlaufs, Ergebnislisten (auch aller Etappen), Infos zu Temperaturen, Windverhältnissen, Höhenprofilen und Ausreißergruppen. Herausgekommen ist ein detailreicher Almanach, in dem der Leser für Stunden versinken kann. Allein die Zusammenfassung der Tour de France umfasst 40 Seiten. In seiner Print-Gestalt ein Dinosaurier, der allerdings erst vor wenigen Wochen das Licht der Welt erblickte.

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Für die Datensammlung hat der Softwareentwickler Cillian Kelly (auf Twitter unter @irishpeloton für seine statistischen Aperçus bekannt), wie road.cc berichtet, Künstliche Intelligenz eingesetzt: So wurden beispielsweise Texte von Radsportjournalisten automatisch ausgewertet, um die Ausreißer einzelner Rennen herauszufiltern. Kelly selbst beschreibt sein Vorgehen wiefolgt: „Jeder Fahrer hat eine Anzahl an Attributen – Alter, Team, Ergebnisse und Siege, Geburtsdatum und so weiter –, und dann kann man das alles verbinden, mit dem Resultat einer großen Landkarte, wie die Radsport-Welt aussehen sollte und den Verbindungen dazwischen. Diese Verknüpfungen haben es ermöglicht, die Daten und Statistiken, die man braucht, zu extrahieren.“

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Das Buch habe die Leute verschreckt, räumt Boulting auf der Webseite des Projekts ein – und zwar sowohl das Team der Herausgeber und Redakteure als auch Verleger. Das Herausfordernde sei nicht nur das Zusammentragen der Fakten gewesen, sondern auch die optische Aufbereitung, die Ergänzung durch Kommentare und Infografiken sowie Essays.

Und genau diese Mischung macht den Almanach zu einem Meisterwerk seines Genres. Die Essays gehören zu den besten der Radsportberichterstattung. Die Sky-Rundfahrtensieger Chris Froome  und Geraint Thomas lassen ganz am Anfang des Buchs ihre Siege beim Giro bzw. der Tour de France 2018 Revue passieren. Daneben erklärt etwa der Sportliche Leiter von Cannondale-Drapac Tom Southam sehr anschaulich, warum die Radrennen von heute langweiliger denn je wirken – aber Siege so schwierig geworden sind wie nie zuvor. Harry Pearson beschreibt, warum der Paris-Roubaix- und Flandern-Tour-Gewinner Niki Terpstra im Peloton und bei Fans so unbeliebt ist. Während Chad Haga, Teamkollege von Giro-Sieger Tom Dumoulin, die Italienrundfahrt rekapituliert – und dabei viel Team-Internes berichtet. Marianne Vos sollte ursprünglich einen Text über das letzte Kapitel ihrer Karriere schreiben, was sich jedoch angesichts des unerwarteten Jahresverlaufs zu einem Bericht eines einzigartigen Comebacks entwickelte. 

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Die Statistik-Verliebtheit der Herausgeber äußert sich wiederum in zahlreichen Infografiken, die man sonst selten bis gar nicht findet. Ein paar Beispiele:

  • Wie oft sind Paris-Roubaix-Sieger vor ihrem Gewinn beim Frühjahresklassiker angetreten? Und was war ihr bestes Ergebnis zuvor? (Mathew Hayman schaffte seinen Sieg im 15. Anlauf 2016!)

  • Wer hat bei der Tour de France am meisten Siege je Austragung erzielt? (ein belgischer Weltmeister, mehr sei nicht verraten, schaffte acht Siege!)

  • Und: Ist die Startnummer 51 bei der Tour tatsächlich die Nummer mit den meisten Siegern? (falsch!).

Dass die Lektüre des Almanachs so viel Spaß macht und Erkenntnisse verschafft, ist der Tatsache geschuldet, dass  „The Road Book 2018“ eben in seiner Vielfalt mehr ist als eine ausgedruckte Enzyklopädie. Auch im Internet gibt es exzellente Datenbanken zum Radsport, allen voran Procyclingstats. Hier giubt es ebenfalls exzellente Recherchemöglichkeiten, die Web-Datenbank ist in vielen Punkten auch dem Print-Kompendium überlegen (wenn es beispielsweise darum geht, mit dem Klick auf den Namen des Fahrers zu erfahren, wo dieser in welchem Jahr angetreten ist). Und doch macht sind es gerade die Hilfestellungen und Einordnungen der Herausgeber – Essays, Infografiken – zum statistischen Teil, die das Angebot abrunden.

Das 900 Seiten-Werk soll in den kommenden Jahren fortgesetzt werden – ich wünsche ihm viele Käufer, damit dies gelingt und zumindest dieser noch junge Dinosaurier eine langes Leben genießt.

Ned Boulting and Cillian Kelly: The Road Book. The Road Book Ltd 2018, Hardback, 878 pages, ISBN: 9781916484900, Price: £50

 

Hier kann das Buch gekauft werden.