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Gift für den Radsport

Die Tour de France-Etappe nach Alpe d'Huez hinterlässt gemischte Gefühle. Für viel Dramatik am legendären Berg war gesorgt, was für viel Begeisterung im Publikum sorgte. Ernüchternd jedoch sind Kommentare wie der der „Bild“-Zeitung.

 

Nach vielen dunklen Jahren, in denen der Radsport überschattet wurde von massenhaftem Doping-Betrug, gilt es seit Jahren, wieder Vertrauen aufzubauen, beim Publikum, bei Sponsoren, auch bei Medien. Der Radsport ist auf dem besten Weg dorthin. In Deutschland wächst das radsportinteressierte Publikum merklich – allein, wenn man sich die Begeisterung an den Strecken der Jedermannrennen anschaut, ist dies zu sehen. Deutsche Firmen wie Dr. Wolff-Gruppe (Alpecin) investieren (wieder) viel Geld in den Radsport. Und die großen Sender übertragen wieder die Tour de France, auch bei der anstehenden Deutschland Tour im August ziehen große Medien wie Eurosport und die öffentlich-rechtlichen Sender mit.  

Und doch ruht das wieder erlangte Vertrauen auf wackeligem Fundament, wie zuletzt am Beispiel der Doping-Diskussion rund um den vermeintlichen Salbutamol-Verstoß Chris Froomes zu sehen war – schnell sind wieder alte (Vor)Urteile parat, die vor einem Jahrzehnt sicher berechtigt waren, heute aber zumindest mit großer Vorsicht platziert werden sollten.

 

In dieser Situation wirkt ein Kommentar wie der des „Bild“-Kolumnisten Franz-Josef Wagner wie Gift. Mit Blick auf die Etappe nach Alpe d'Huez, bei der Sky-Fahrer Geraint Thomas seinen zweiten Tagessieg landete und andere Rivalen chancenlos wirken ließ, schreibt Wagner, dass er nicht mehr zuschaut: „Ich habe zu viele echte Gefühle für falsche Helden vergossen“, so Wagner, mit Verweis auf Armstrong, Ullrich und Pantani. So weit, so gut – geht vielen so, dass sie von Ullrich & Co. enttäuscht wurden. 

 

Dann wird es aber unfair: „Gestern seid Ihr angeblichen Helden hochgefahren zum legendären Alpe d’Huez, da wo Helden sich von normalen Menschen trennen. Wie kann ein Mensch in 30 Minuten einen 1850 Meter hohen Berg hochfahren?“ Sein Fazit: „Ich gucke die Tour de France nicht mehr an, weil ich keine Übermenschen sehen will. Mit Chemie gestärkt. Ich will normale Menschen.“

 

Wagner sieht also wieder Doping im Spiel; dass die Sportler mit „Chemie gestärkt“ sind, wird schlicht und einfach unterstellt. Als Beleg verweist Wagner auf die Zeit, 30 Minuten rauf nach Alpe d'Huez.

 

Die Realität sah gestern ganz anders aus. Der Sieger Geraint Thomas hat elf Minuten länger als Wagner behauptet, nämlich 41:16, benötigt. In der Liste der besten Zeiten rauf nach Alpe d'Huez  liegt Thomas damit auf Platz 109, 4:26 hinter dem Besten, 1995 vermutlich gedopten Marco Pantani. 

 

Thomas' Zeit sieht nicht übermenschlich aus, genauso wenig wie die zahlreichen Einbrüche und Aufgaben der Fahrer bei der diesjährigen Tour de France – von den Sprintern ist kaum noch jemand im Peloton unterwegs, und selbst ursprüngliche Favoriten wie Nairo Quintana zeigen deutliche Schwächephasen (gestern attackierte der Kolumbianer zunächst, anschließend brach er sang und klanglos ein).

 

Kommentare wie die von Wagner – zumal in einem auflagenstarken Medium veröffentlicht – sind gefährlich für den Radsport in dieser Phase des Wiederaufbaus. Sie sind unfair, da nur schlampig belegt. Es ist nur zu hoffen, dass sich Fans davon nicht – negativ – beeindrucken lassen und sich ihre eigene Meinung bilden.