· 

Der coolste Radsport-Knigge der Welt – die Velominati-Regeln jetzt auch auf Deutsch

Hebe nie dein Rad über den Kopf! Beiß verflucht noch mal auf die Zähne! Keine Aufkleber! Behalte immer Deine Linie! Die Räder auf dem Dach deines Autos sollten mehr wert sein als das Auto! – es sind solche, stets apodiktisch formulierten, durchaus strittigen, aber keine Gegenrede zulassenden Radsport-Regeln, mit denen sich die „Velominati“ in den vergangenen Jahren weltweit eine Fangemeinde aufgebaut haben. Das Team um den US-Amerikaner Frank Strack hat 95 solcher Grundsätze verfasst und erklärt, die der Covadonga Verlag ins Deutsche übersetzt hat. Das Cyclin' Blog bringt eine Leseprobe.

 

Velominati-Fans sind daran zu erkennen, dass sie während gemeinsamer Trainingsausfahrten kleine Fehltritte und Stillosigkeiten ihrer Mitstreiter mit einem wissenden Grinsen und dem knappen Hinweis auf bestimmte Regeln („Höcker sind für Kamele: Keine Trinkrucksäcke“ oder „Rasiere deine Geschütze“) tadeln. Nachfolgend zunächst die 95 Regerln auf Englisch im Überblick. Und zwei der schönsten Regeln aus dem Buch „Velominati: DIE REGELN - Kodex für Radsportjünger“, Covadonga Verlag, 2018, ISBN 978-3-95726-027-7, 14,80 Euro (hier zu bestellen).

 

Die Velominati-Regeln

  1. Obey The Rules.
  2. Lead by example.
  3. Guide the uninitiated.
  4. It’s all about the bike.
  5. Harden the f*ck up.
  6. Free your mind and your legs will follow.
  7. Tan lines should be cultivated and kept razor sharp.
  8. Saddles, bars and tires shall be carefully matched.
  9. If you are out riding in bad weather, it means you are a badass. Period.
  10. It never gets easier, you just go faster.
  11. Family does not come first. The bike does.
  12. The correct number of bikes to own is n+1.
  13. If you draw race number 13, turn it upside down.
  14. Shorts should be black.
  15. Black shorts should also be worn with leader’s jerseys.
  16. Respect the jersey.
  17. Team kit is for members of the team.
  18. Know what to wear. Don’t suffer kit confusion.
  19. Introduce yourself.
  20. There are only three remedies for pain.
  21. Cold weather gear is for cold weather.
  22. Cycling caps are for cycling.
  23. Tuck only after reaching Escape Velocity.
  24. Speeds and distances shall be referred to and measured in kilometres.
  25. The bikes on top of your car should be worth more than the car.
  26. Make your bike photogenic.
  27. Shorts and socks should be like Goldilocks. (Not too long and not too short).
  28. Socks can be any damn colour you like.
  29. No European Posterior Man-Satchels.
  30. No frame-mounted pumps.
  31. Spare tubes, multi-tool and repair kits should be stored in jersey pockets.
  32. Humps are for camels: no hydration packs.
  33. Shave your guns.
  34. Mountain bike shoes and pedals have their place. (On a mountain bike).
  35. No visors on the road.
  36. Eyewear shall be cycling specific.
  37. The arms of the eyewear shall always be placed over the helmet straps.
  38. Don’t play Leap Frog.
  39. Never ride without your eyewear.
  40. Tires are to be mounted with the label centered over the valve stem.
  41. Quick-release levers are to be carefully positioned.
  42. A bike race shall never be preceded with a swim and/or followed by a run.
  43. Don’t be a jackass.
  44. Position matters.
  45. Slam your stem.
  46. Keep your bars level.
  47. Drink Tripels, don’t ride triples.
  48. Saddles must be level and pushed back.
  49. Keep the rubber side down.
  50. Facial hair is to be carefully regulated.
  51. Livestrong wristbands are cockrings for your arms.
  52. Drink in Moderation.
  53. Keep your kit clean and new.
  54. No aerobars on road bikes.
  55. Earn your turns.
  56. Espresso or macchiato only.
  57. No stickers.
  58. Support your local bike shop.
  59. Hold your line.
  60. Ditch the washer-nut and valve-stem cap.
  61. Like your guns, saddles should be smooth and hard.
  62. You shall not ride with earphones.
  63. Point in the direction you’re turning.
  64. Cornering confidence increases with time and experience.
  65. Maintain and respect your machine.
  66. No mirrors.
  67. Do your time in the wind.
  68. Riders are to be measured by quality, not quantity.
  69. Cycling shoes and bicycles are made for riding.
  70. The purpose of competing is to win.
  71. Train properly.
  72. Legs speak louder than words.
  73. Gear and brake cables should be cut to optimum length.
  74. V Meters or small computers only.
  75. Race numbers are for races.
  76. Helmets are to be hung from your stem.
  77. Respect the earth; don’t litter.
  78. Remove unnecessary gear.
  79. Fight for your town lines.
  80. Always be Casually Deliberate.
  81. Don’t talk it up.
  82. Close the gap.
  83. Be self-sufficient.
  84. Follow the Code.
  85. Descend like a Pro.
  86. Don’t half-wheel.
  87. The ride starts on time. No exceptions.
  88. Don’t surge.
  89. Pronounce it Correctly.
  90. Never get out of the big ring.
  91. No food on training rides under four hours.
  92. No sprinting from the hoods.
  93. Descents are not for recovery. Recovery ales are for recovery.
  94. Use the correct tool for the job, and use the tool correctly.
  95. Never lift your bike over your head.

 

 

 

REGEL #9 //WENN DU BEI SCHLECHTEM WETTER FÄHRST, HEISST DAS, DASS DU EIN HARTER HUND BIST. BASTA

Schönwetter-Radfahren ist ein Luxus, der für Sonntagnachmittage und breite Boulevards reserviert ist. Diejenigen aber, die bei schlechtem Wetter fahren – ganz gleich, ob es kalt, nass oder ungewöhnlich heiß ist –, sind Mitglieder eines speziellen Clubs von Rennradfahrern, die am Morgen einer großen Ausfahrt die Gardine zur Seite schieben, um zu sehen, wie das Wetter wird, und über deren Züge sich dann, wenn der Himmel seine Tore geöffnet hat und es aus Eimern schüttet, ein schiefes Lächeln ausbreitet. Hier handelt es sich ganz offensichtlich um einen Radsportler, der die Fron im Sattel wahrlich liebt.

An einem sonnigen Tag ist niemals je etwas wirklich Episches passiert. Die legendären Schlachten der großen Kriege wurden allesamt in Regen, Graupel oder Schnee ausgetragen. Die Erkundungsreisen der größten Entdecker erfolgten stets bei schrecklichen Bedingungen. Wenn die Menschheit irgendwann in der Zukunft endlich einen fremden Planeten betreten wird, kann man darauf wetten, dass das Wetter richtig beschissen sein wird.

Was mich betrifft, liebe ich das Radfahren bei diesen Bedingungen: regnerisch, nass, bitterkalt, fies. Pack als Zutat noch eine Kopfsteinpflaster- oder eine Cyclocross-Strecke dazu, und ich bin dabei. Wenn ich mich für eine Ausfahrt im Regen bereitmache, stehen mir vor nervöser Vorfreude die Nackenhaare zu Berge. Während ich meine Knie- und Armlinge überstreife und in der Kiste mit den Überschuhen und langfingrigen Handschuhen wühle, male ich mir schon aus, wie der kalte, nasse Regen vom Himmel herabstürzt und mir bis in die Poren dringt. Ich weiß, dass ich bald meine Zeit mit dicken Regentropfen verbringen werde, die vom Rand meiner Radmütze herabfallen und als mein persönliches Metronom fungieren, derweil ich meine ein- same Spur in die regenglatte Straße fräse.

Alles ist härter im Regen. Warm zu bleiben, zum Beispiel. Oder auch auf dem Rad zu bleiben, denn der Regen bindet alle Sand- und Ölpartikel auf der Oberfläche des Asphalts zu einer Schmierschicht, die jederzeit bereit ist, uns die Reifen unterm Hintern wegzuziehen. Der Bremsweg verlängert sich und zwingt uns, besonders aufmerk- sam auf lauernde Gefahren zu achten. Ein Moment der Unachtsamkeit kann das Verderben bedeuten. Durch die Kurven zu steuern, hat mit Radfahren nicht mehr viel zu tun: Es vereint vielmehr die unangenehmsten Aspekte von Schlittschuhlaufen, Seiltanz, Geräteturnen und Baccara. 

Diese zusätzliche Herausforderung hält unsere Konzentration und unsere Sinne geschärft. Unser Geist wird komplett gereinigt – für Nebengedanken ist bei solchen Bedingungen einfach kein Platz. Alle Gedanken an die Kälte, die Nässe oder den Schmerz in unseren Beinen werden von der totalen Hingabe an die Fron im Sattel in den Hintergrund gerückt.

Mein Vater hat mich in jungen Jahren gelehrt, dass es, wenn man etwas Unangenehmes erledigen muss, wenig Sinn hat, keine Freude daran zu haben. Er war so klug, seinen Standpunkt zu verdeutlichen, indem er mich wiederholt Dinge tun ließ, die ich nicht gerne tat. Wenn er merkte, dass ich besonders unglücklich war, ging er mir bei meiner Aufgabe zur Hand und zeigte mir, dass man, so unangenehm die Sache als solche auch sein mochte, stets doch Vergnügen in einfachen Dingen finden konnte. Sei es in der Beobachtung, dass man Fortschritte macht, in der Befriedigung darüber, dass man die Sache irgendwann zu Ende gebracht hat, oder in der Tatsache, dass man sich überwunden hatte, etwas zu tun, was man eigentlich nicht tun wollte. Das allein ist etwas, auf das man stolz sein kann.

Da war natürlich was dran: Man konnte leiden und es hassen, oder man konnte leiden und dennoch Freude daran haben. Sich auf das Unvermeidbare zu fixieren, trägt nicht gerade dazu bei, sich bei einer unangenehmen Sache besser zu fühlen.

 Das Radtraining ist bestens geeignet, um diese Lektion zu lernen. Wenn man wie ich in Minnesota aufwächst, darf man jedes Jahr auf ungefähr sieben Tage mit angenehmem Wetter hoffen, und diese ergaben sich tendenziell immer nur dann, wenn wir gerade auf Reisen waren oder ich andere Pflichten zu erledigen hatte, die mit Radfahren nichts zu tun hatten.

Damit blieben dreihundertsoundsoviele aktive Trainingstage, an denen praktisch immer unangenehmes Wetter herrschte, sei es, dass es heiß, feucht, windig, regnerisch, verschneit oder kalt war oder dass man es – zu besonders unangenehmen Anlässen – mit einer unwirklichen Kombination all dieser Beschwernisse zu tun bekam.

 Im Laufe der Zeit verlor das Training in schlechtem Wetter seinen Status als etwas, was ich lediglich für eine unvermeidliche Notwendigkeit hielt, um meine Ziele zu erreichen. Stattdessen wurde es für mich zu einer Quelle intensiver Motivation, zu wissen, dass meine Rivalen zur selben Zeit bestimmt drinnen im Warmen saßen und auf besseres Wetter warteten, während ich draußen von den Elementen in die Mangel genommen wurde. Und außerdem fanden alle berüchtigten Rennen in den klassischen Radsportländern in Europa in verheerenden Wolkenbrüchen statt, von den Frühjahrsklassikern über den Giro und die Tour de France bis hin zur Straßen-WM und den Herbstklassikern. So wurde der Regen schnell zu meinem Lieblingsradfahrwetter.

Wenn ich aus dem Fenster schaue und ich sehe einen düsteren Himmel und regennasse Straßen, breitet sich ein verschmitztes Lächeln auf meinem Gesicht aus, da mir bewusst wird, dass ich nun schleunigst in meine flämische Ausgehuniform schlüpfen werde, um raus aufs Rad zu kommen, bevor das schlimmste Wetter vorüber ist. Wenige Dinge motivieren mich mehr, als mit gesenktem Kopf – das Gesicht nur durch den kleinen Schirm der Radmütze ein wenig vor Nässe und Wind geschützt – in den Regen hineinzufahren, meine Beine zu sehen, wie sie von Knielingen verhüllt auf- und abwirbeln, und zu spüren, wie die Windweste mit geöffnetem Reißverschluss in der kalte Brise flattert. Ich male mir aus, wie ich über die schmalen Wirtschaftswege in der flämischen Provinz rase, als einsamer Ausreißer an der Spitze des Rennens. Wie ich mir die Meute der Verfolger so gerade eben vom Leib halten kann, ehe ich im Triumph über die imaginäre Ziellinie rolle.

In schlechtem Wetter Rad zu fahren, bedeutet, dass du dein Rad der Behaglichkeit drinnen im Warmen vorziehst. In schlechtem Wetter Rad zu fahren, bedeutet, dass dir Einsatz und Verpflichtung wichtiger sind als Sicherheit und Risikominimierung. In schlechtem Wetter Rad zu fahren, bedeutet, dass du ein harter Hund bist. Basta.

REGEL #12 //DIE KORREKTE ANZAHL RÄDER, DIE MAN BESITZEN SOLLTE, LAUTET N+1

Während drei die minimale Anzahl von Fahrrädern ist, die man besitzen sollte, lautet die korrekte Anzahl N+1, wobei N für die Zahl der derzeit im Besitz befindlichen Räder steht. Diese Gleichung lässt sich auch umformen in S-1, wobei S für die Zahl der in deinem Besitz befindlichen Räder steht, die dazu führt, dass dein Partner bzw. deine Partnerin sich von dir trennt.

Ich möchte mir einen neuen Cyclocross-Rahmen kaufen. Meine Freundin unterstützt das, obwohl sie weiß, dass ich schon einen Cyclocrosser habe. Ganz zu schweigen von den drei Rennrädern, meinem Rad für Besorgungen in der Stadt und dem MTB. Da sie selbst Radsportlerin ist, besitzt sie natürlich ebenfalls drei Rennräder und ein paar Räder fürs Gelände.

Nichtsdestotrotz hat sie die entscheidende Stimme in unserem Haushaltsausschuss, und alle derartigen Käufe müssen von besagtem Ausschuss abgesegnet werden. Was unserem Entscheidungssystem an Bürokratie vielleicht fehlen mag, macht es mit akribischer Prüfung locker wett: Es ist nicht übertrieben, dass ich sehr erleichtert bin, dass ich letztlich die Zustimmung des Ausschusses erhalten habe.

Genau genommen, freut aber auch meine Freundin sich auf die Neuanschaffung. Der fragliche Rahmenbauer ist nämlich ein kleiner exquisiter Shop im Nordwesten der USA, und wenn sie im Nordwesten der USA was gut können, dann kleine exquisite Shops. Nach einer langen Diskussion darüber, ob eine Gruppo-, Group-san- oder Bro-Set-Ausstattung dieses besondere Rad beehren soll, sprach sie einen Satz aus, der mein Herz so sehr in Wallung brachte, dass mir die Luft wegblieb: »Danach gehe ich davon aus, dass wir diese Fahr- radkauf-Sache mal für eine Weile auf Eis legen und uns auf unsere anderen Prioritäten konzentrieren können, nicht wahr?« Das war keine Frage, auch wenn es so formuliert war.

Bilder von herrlichen 29ern und Zeitfahrmaschinen zogen vor meinem geistigen Auge vorüber, während ich mich beeilte, zustimmend zu nicken. Bei Licht betrachtet sträube ich mich ja gar nicht dagegen, mich mal auf »andere« Prioritäten zu konzentrieren. Aber ehrlich gesagt verstehe ich nicht so recht, was sie mit dieser Formulierung meint. Bisher hatte ich gedacht, das 29er und die Zeitfahrmaschine wären die anderen Prioritäten.

Wir Velominati lieben unsere Räder. Ein Fahrrad ist für uns mehr als nur einfach ein Handwerkszeug; jede Maschine, die wir fahren, hilft uns, eine Verbindung zur V herzustellen, die einen unauslöschlichen Eindruck in unserer Psyche hinterlässt. Wir betrachten kein Rad als Selbstverständlichkeit, und wir verstehen, dass ein Rad, das nicht gefahren wird, ein Rad ist, das nicht wertgeschätzt wird – und dass ein Rad, das nicht wertgeschätzt wird, womöglich das Traurigste ist, was man sich auf Erden vorstellen kann

Nichtsdestotrotz sehnen wir uns immer nach einem weiteren Rad. Vielleicht ist es eine tief verwurzelte Störung, die sich aus unserem genetischen Erbe als Jäger und Sammler erklärt. Vielleicht ist es auch eine mysteriöse Spielart des Stockholm-Syndroms, der wir an- heimgefallen sind, so dass wir einer Maschine, die letztlich nicht viel mehr tut, als uns auf primitive Weise leiden zu lassen, einen über- weltlichen Wert beimessen.

In den Stall kommen mir ausschließlich Räder, die zuvor sorgsam ausgewählt, zusammengestellt und montiert wurden. Den ganzen Sommer zwischen der sechsten und siebten Klasse habe ich miese Gelegenheitsjobs übernommen, um mir mein erstes richtiges Rennrad kaufen zu können. Kurz danach begann ich, es nach meinen Vorstellungen anzupassen. Ich montierte einen Cinelli-Vorbau und einen Drop-in-Lenker von Scott, den ich mit Benotto-Lenkerband umwickelte, sofern man etwas, was ganz ohne selbstklebende Fläche aus- kommt, tatsächlich so nennen kann. Kurz darauf kaufte ich ein Paar Time-Pedale und bald darauf einen Selle San Marco Regal-Sattel. In den wenigen kurzen Monaten, in denen ich das Rad nun besaß, ver- wandelte es sich in etwas, das nicht mehr als die Maschine zu erkennen war, die ich aus dem örtlichen Fahrradgeschäft geschoben hatte.

Ich liebte dieses Rad. Ich fuhr es, bis es auseinanderfiel. Und als es auseinanderfiel, reparierte ich es oder kaufte neue Teile, um jene zu ersetzen, die unrettbar hinüber waren. Ich fuhr es beinahe zwanzig Jahre lang, und einige seiner Komponenten leben sozusagen im Hospiz an einem meiner jetzigen Räder weiter.

Jedes Rad, das ich seither besessen habe, begann mit dem Kauf eines Rahmens und entwickelte sich peu à peu zu einem prächtigen Ross, ein jedes mit seiner eigenen Geschichte, die von knappen Budgets und langen Phasen vorfreudigen Wartens erzählt.

2003 nahmen mein Velomihottie und ich an der L’Etape du Tour teil, einem jährlichen Radmarathon, der von den Veranstaltern der Tour de France auf die Beine gestellt wird und Normalsterblichen die Chance gibt, eine Bergetappe der jeweiligen Ausgabe der Tour als Jedermannrennen zu bestreiten. In jenem Jahr führte die Strecke von Pau nach Bayonne. 220 Kilometer, erst über drei Pyrenäenpässe, dann 80 Kilometer bergab vom letzten Gipfel hinab ins Ziel. Das ganze Frühjahr über trainierten wir wie die Bescheuerten. Unsere Trainingstagebücher waren voll mit Einträgen, die von 200 Tageskilometern und mehr kündeten.

Ein paar Tage nach der L’Etape kehrten wir an die Strecke zurück, um mitzuerleben, wie die richtige Tour de France über dieselben Straßen führte. Wir schauten vom Straßenrand aus zu, wie das Feld vorbeikam, bevor wir in ein Dorf-Café mit dem treffenden Namen Calamity Jane umzogen. Dort verfolgten wir den Rest der Etappe auf einem Fernseher, dessen Antenne ständige Aufmerksamkeit von den Angestellten der Bar verlangte und der den Patron des Ladens jedes Mal zu Anfeuerungsrufen animierte, sobald auf dem kleinen Bildschirm mal kurzzeitig ein klares Bild zu erkennen war. Tyler Hamilton gewann an diesem Tag die Etappe auf dem Prototyp eines Rades, das später das Cervélo R3 werden sollte.

Sieben Jahre lang träumte ich davon, ein Rad wie das zu besitzen, mit dem Hamilton auf den Straßen, die wir beide flüchtig geteilt hatten, zum Sieg gefahren war – sein späteres Dopinggeständnis hin oder her. Als schließlich der Tag gekommen war, an dem ich mein Bein über das Oberrohr meines eigenen R3 werfen konnte, hatte ich das Gefühl, neu geboren zu sein. Der krönende Abschluss so vieler Träume, die in diesem ganz besonderen Moment zusammenliefen, lässt sich vielleicht am besten damit beschreiben, was Wissenschaftler als Singularität bezeichnen: ein bestimmter Punkt, an dem die physikalischen Gesetze, wie wir sie kennen, nicht mehr über die Ereignisse herrschen, wenn wir sie sehen. Geteilt durch null, um es mit dem Taschenrechner auszudrücken.

Ein Freund von mir baute den Rahmen, den ich derzeit fahre und im Rennen benutze und der mich in die vielleicht vulgärste und elementarste Form des Radrennsports einführte: Cyclocross. Vermenge Radrennen, Trailrunning, Minigolf und Fight Club zu einer einzigen Sportart und du hast eine ungefähre Ahnung davon, worum es geht. Füge dann noch etwas Morast und Alkohol hinzu, und das Bild nimmt langsam Konturen an. Ich liebe den Cyclocrosser, den ich der- zeit fahre und er ist unverwechselbar. Fotos von den Rennen, an denen ich teilnehme, offenbaren immer einen riesigen orange lackierten Rahmen, der bei den Laufpassagen, wenn die Räder geschultert werden, alle anderen Räder um einen Meter überragt.

 

Dieses Rad hat jedoch ein paar traumatische Erlebnisse gehabt, die durch meine Inkompetenz als Querfeldein-Rennfahrer ausgelöst wurden, und es leidet auch darunter, eher ein Schwergewicht zu sein. Was den Radsport betrifft, bin ich zu der Schlussfolgerung gekommen, dass ich mir zwar selbst ein wenig Gewicht zu viel zugestehen kann, aber niemals meinem Rad.

In einem Sport, der von einem verlangt, sein Rad während eines Rennens mehrere Dutzend Mal hochzuheben, bin ich naturgemäß ein großer Fan federleichter Maschinen. Was mich zu meiner anfänglichen Bemerkung zurückbringt: Ich möchte mir einen neuen Cyclocross-Rahmen kaufen.

Und sobald diese Sehnsucht gestillt ist, gehe ich auf die Jagd nach einem 29er und einer Zeitfahrmaschine. Und wenn das erfolgreich war, habe ich ja immer noch kein einziges Rad mit Titanrahmen. Und wenn ich mir ein 29er kaufe, wird es entweder ein Hardtail oder voll- gefedert sein, was bedeutet, dass ich entweder noch kein vollgefedertes 29er oder kein 29er Hardtail habe. Und ich bezweifle, dass eins davon aus Titan ist.

Ich habe gehört, dass sich Titan großartig fährt und dass es, wenn man erst mal ein Titanrad hat, keine Notwendigkeit mehr gibt, sich noch mal ein neues Rad zu kaufen. Wer das behauptet, hat offenbar keine Ahnung. Seit wann geht es um so etwas wie Notwendigkeit?

Velominati: DIE REGELN - Kodex für Radsportjünger. Covadonga Verlag, 2018, ISBN 978-3-95726-027-7, 14,80 Euro. Hier bestellbar.