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Peter Sagan: der Draufgänger

Spätestens nach seinem Sieg bei Paris-Roubaix gehört Peter Sagan zu den ganz Großen des Radsports. Doch wo kommt der Weltmeister her, welche Kindheit hatte er? Wie eroberte er den Radsport-Thron? Der italienische Radsportexperte Giacomo Pellizzari porträtiert den Slowaken, nachzulesen im cyclin.blog.

 

In seinem Buch „Der steile Anstieg zum Olymp" (Piper 2018, ISBN 978-3-492-05852-0) widmet sich Giacomo Pellizzari den Geheimnissen seiner Radsporthelden. Mit Bewunderung und leiser Selbstironie erzählt er unter anderem vom Angeber Lance Armstrong, von der Bescheidenheit des großen Miguel Indurain und vom Schönling Fabian Cancellara.  

Die folgende Leseprobe porträtiert den Weltmeister Peter Sagan.

 

Peter Sagan: der Draufgänger

 

Das Ziel liegt am höchsten Punkt eines leichten, zwei Kilometer langen Anstiegs mit einer Steigung von fünf Prozent, perfekt zugeschnitten auf einen Fahrer wie dich. Der Schweizer Fabian Cancellara, Spitzenreiter des Rennens und im Gelben Trikot, hat auf halber Höhe das Tempo angezogen. Mit der erheblichen Wattzahl, die er tritt, und seiner Beständigkeit ist »Spartacus«, wie er aufgrund seiner unbändigen Kämpferqualitäten genannt wird, allen überlegen und setzt sich an die Spitze. Er glaubt, der Sieg sei ihm sicher. Tja, da hat er aber die Rechnung ohne dich gemacht. Ohne den Slowaken Peter Sagan. Ihr steht in einer Art Lehrer-Schüler-Verhältnis. Wie mittlerweile wohl den meisten aufgefallen ist, habt ihr einiges gemeinsam: Ihr seid wendig und kraftvoll, fähig zu einem explosiven Antritt und zu langen Temposteigerungen, denen nur wenige etwas entgegenzusetzen haben. Nur dass er sich in den letzten Ausläufern seiner Karriere befindet, während du jung bist, sehr jung sogar, und noch alles vor dir hast.

 

Fabian dreht sich um und fordert dich auf, ihn abzulösen, erst mit eleganter Geste, dann mit unmissverständlichem Nachdruck. Du tust, als hättest du nichts gesehen, und fährst mit gesenktem Kopf weiter. »Spartacus« weiß: Wenn er allein die Führung übernehmen muss, dann bricht er vor dem Ziel zusammen. Die Augen trübe von der Anstrengung, die Beine voller Laktat. Hinter euch hat sich das Feld neu formiert, der Norweger Boasson Hagen konnte sogar schon zu euch aufschließen. Nun seid ihr also zu dritt. Eine Bimmelbahn, die mit Höchstgeschwindigkeit hinter einer gelben Lokomotive herrast, eng an der Absperrung entlang, hinter der sich die Fans drängen. Wer hier gewinnen will – scheint Cancellara zu sagen –, der muss bereit sein, Blut zu schwitzen, muss alles in die Waagschale werfen, was seine Beine hergeben. Als er wenige Meter vor dem Ziel noch einmal mit voller Kraft in die Pedale tritt und den Endspurt eröffnet, überraschst du ihn. Du ziehst ebenfalls das Tempo an, und dein Antritt ist von unwiderstehlicher Explosivität. Du lässt ihn einfach stehen. Deine Überlegenheit ist in diesem Moment so offensichtlich, dass nichts zu sagen oder zu tun bleibt. Das war’s, Leute, du holst dir Sieg, Etappe und Rampenlicht. Cancellaras gelber Helm schwankt von einer Seite zur anderen, durchgeschüttelt von dem Fehlschlag. Er hat die ganze Zeit über Führungsarbeit geleistet, den Sieg aber holt sich dieser slowakische Jungspund. Von diesem Tag an seid ihr Rivalen.

 

 

Kurz darauf, am 3. Juli 2012, bei der dritten Etappe der Tour de France, die von Orchies nach Boulogne-sur-Mer führt, wiederholst du dein Kunststück. Der Verlauf und das Höhenprofil der Etappe sind fast dieselben wie beim ersten Mal. Diesmal ist von Cancellara jedoch nichts zu sehen. Du fährst abermals den Sieg ein, hängst sämtliche Konkurrenten mit einem Sprint ab, der noch einmal all dein Können unter Beweis stellt, die perfekte Mischung der Qualitäten, die ein starker Fahrer heutzutage braucht. Eine außerordentliche Physis, ein Meter vierundachtzig groß bei einem Körpergewicht von vierundsiebzig Kilogramm, das Idealverhältnis, vollkommen ausgewogen. Nur ein Kilo mehr, und du wärst nicht mehr so geschmeidig, nur ein Kilo weniger, und du würdest an Kraft verlieren. Eine Balance, die, einmal errungen, ebenso schwer zu halten ist, wie sie eine erhebliche Überlegenheit begründet. Mit einem solchen Körperbau kann man im modernen Radsport alles gewinnen. Aber das genügt dir nicht. Auf der Ziellinie, nachdem du die Gegner abgehängt und hinter dir gelassen hast, nimmst du mit all deinem respektlosen Übermut die Arme vom Lenker und schwingst sie vor und zurück, als würdest du laufen statt Fahrrad zu fahren. Eine Imitation des Rennens aus Forrest Gump, zu der dich am Vorabend deine Teamkollegen angestiftet haben: »Peter, wenn du gewinnst, mach den Forrest Gump.« Und das tust du, formvollendet, ein spitzbübischer Triumphzug über die Ziellinie: »Wenn Forrest laufen soll, dann läuft er«, sagst du hinterher dazu. Den Gegnern bereitet das Magenschmerzen. Deine Teamkameraden lachen sich halb tot. Mit diesem Burschen wird es auf jeden Fall lustig.

 

Es ist dein erster Auftritt bei der Tour de France, du bist erst zweiundzwanzig und schon ein Publikumsliebling: Die jungen Leute, die Mädchen, die man bei der Tour eher selten sieht, feiern dich in Scharen. In deinem draufgängerischen Auftreten, deinem leicht provokanten, gewitzten Grinsen erkennen sie sich selbst wieder. Als wärst du nicht nur ein Radprofi, sondern ihr Idol. Und du willst ihnen auch etwas bieten. Deshalb konntest du nicht einfach nur eine Etappe gewinnen, konntest deine Show nicht auf einen einzelnen Tag beschränken und dann mit deinen Energien haushalten, wie dir so viele geraten hatten und klug gewesen wäre. Du bist gekommen, um dich zu amüsieren, und versuchst jeden Tag dein Glück. Wozu solltest du sonst an der Tour teilnehmen?

 

Die beiden Etappensiege haben dir auch schon einen Porsche eingebracht. Vor dem Start der Tour hast du mit deinem Sportlichen Leiter Stefano Zanatta eine Wette abgeschlossen: »Wenn ich zwei Etappen gewinne, schenken Sie mir Ihr Auto«, lautete dein Vorschlag. Und es handelte sich nicht um irgendeine Kiste, sondern um einen Porsche Targa Turbo in Braun Metallic. »Geht in Ordnung«, sagte der Arme. War doch klar, dass du das nicht schaffst: Du bist noch zu jung, zu unreif, und dann ist es auch noch deine erste Teilnahme am Rennen aller Rennen, der Tour de France. Tja, Pech gehabt. Zwei zu null für dich, Peter.

 

 

Nein, drei zu null. Denn du holst bei dieser Tour nicht nur zwei Etappensiege, sondern auch noch einen dritten. Den letzten, das Sahnehäubchen, in Metz, wo du dir mit einem explosiven Zielsprint den ersten Platz in der Tageswertung und dazu das Grüne Trikot sicherst. Den Porsche hast du ja nun schon, Zanatta sollte mal anfangen, über eine Harley Davidson nachzudenken. Du magst starke Motoren, du magst es, schnell zu fahren, das Adrenalin zu spüren und den Wind in den Haaren. Du bist Peter »der Irre« Sagan. Und von heute an zollen dir alle Respekt. Ein glänzender Start, wie ihn nur die ganz Großen hinzulegen wissen. Plötzlich stehst du im Mittelpunkt, die Zeitungen titeln: »Peter die Abrissbirne«, der unverschämte Slowake, der mit einem einzigen Schlag selbst die stärksten und erfahrensten Gegner niederstreckt. Manch einer bemüht sogar den unvermeidlichen Vergleich mit dem Größten von allen, Eddy Merckx, so wie Messi mit Maradona verglichen wird. Macht keine Witze, sagst du dazu. Um dann allerdings anzumerken: »Ich will nicht der zweite Eddy Merckx sein, sondern der erste Peter Sagan.« Eine Antwort, die durch den Raum hallt wie ein weiterer deiner explosiven Sprints, furchtlos und schneidig. Die Aussage eines Mannes, der sich bereits seiner Kraft bewusst ist, aber auch des Auftretens, das von ihm erwartet wird.

 

Herbst 2015, es ist noch heiß, es fühlt sich an wie im Sommer, der Duft des Meeres und der Sonnencremes ist derselbe wie vor zwei Monaten. Während du deinen Porsche Targa über die Straßen von Monte Carlo lenkst, glänzt deine schwarze Lederjacke im gleißenden Sonnenlicht. Der Wind bläst dir deine Haare rebellisch über die Stirn, du bist einfach nur schön und verrucht. Die Mädchen am Straßenrand erkennen dich, sie drehen sich nach dir um, rufen deinen Namen. Wie bei John Travolta in Grease. Sie würden einiges dafür geben, mit dir eine Runde im Porsche zu drehen. Du hast dich für ein Leben in Monte Carlo entschieden, weil du dich dort wohlfühlst, du atmest gern diese Luft, eine Mischung aus Salz und Sternenstaub. Wie auf einem Laufsteg in Hollywood, eine eigene Welt voller Stars, VIPs und Jetset. Von Hollywood hast du schon als Kind geträumt, damals, als du nicht die geringste Lust hattest, für die Schule zu lernen. Hier findet das berühmteste aller Formel-1-Rennen statt, hier wimmelt es von Segeljachten und Motorbooten, einige davon wunderschön, hier spielt sich nun wirklich das Leben ab, das du dir erträumt hast.

 

 

Anders als in Žilina, einem unbedeutenden Städtchen in der Slowakei zweihundert Kilometer von Bratislava, das zum Grenzort wurde, als nach Ende des Kalten Kriegs die Tschechoslowakei wieder in zwei Teile geteilt wurde. Und doch, du bist in Žilina geboren, dort ist deine Heimat. Du kommst im Jahr 1990 zur Welt, deine Eltern sind anständige Leute, ein Wirtspaar, das zu jedem Opfer bereit ist, um die vier Kinder großzuziehen. Die Häuser von Žilina strahlen alle eine leichte Melancholie aus, die Felder sind oft von Eis bedeckt, und der Himmel ist auch im Frühling mausgrau. Die Winter sind lang und kalt. Es gibt dort weiß Gott nicht viel Grund zur Ausgelassenheit, vor allem nicht für einen zappeligen Jungen, in dem ein hitziges Feuer brennt. Von Kindheit an hast du keinerlei Lust, im Warmen zu hocken, womöglich gar in Gesellschaft von Schulbüchern. Immer zieht es dich nach draußen an die frische Luft, wo du herumtollen kannst, bis dein T-Shirt und die kurzen Hosen unter dem Schmutz kaum noch zu erkennen sind. Vater und Mutter haben alle Hände voll damit zu tun, dir mit Mullbinden und Heftpflastern hinterherzukommen. Mal ist es ein aufgeschürftes Knie, mal eine Prügelei, mal ein Purzelbaum in eine Brombeerhecke. Du lässt ihnen keinen Moment Ruhe. Du bist von überschäumendem Temperament, stets an der Grenze zum Ungehorsam, ein Schlingel von Kopf bis Fuß. Aber mit den Augen eines ewigen Träumers, halb Peter Pan, halb Kleiner Prinz.  »Wäre ich nicht Radprofi geworden, dann wäre ich jetzt, glaube ich, Pizzabäcker«, erzählst du gelegentlich. Schon klar, Peter, aber du bist eben doch Radprofi. Deine Kamikazeneigungen immer im Gepäck, als handelte es sich um einen angeborenen, rebellischen Instinkt.

 

2010 in Australien, bei der Tour Down Under, deinem ersten Profirennen, stürzt du schon auf der ersten Etappe, knallst voll gegen die Absperrung. Du trägst eine klaffende Wunde am Arm davon, verlierst reichlich Blut, ein echtes Desaster. »Ich hab’s euch doch gesagt! Dieser Sagan mag ja ein außergewöhnlicher Superathlet sein, aber Radfahren kann er nicht«, wird in deinem Team sofort geschimpft. Am Ende muss die Wunde in einer australischen Notaufnahme, zwischen von Haien gebissenen Badegästen und mit Drogen oder Alkohol zugedröhnten Teenagern, mit zweiunddreißig Stichen genäht werden. Als du das hinter dir hast, fragst du den Mannschaftsarzt: »Doktor, ich kann morgen starten, oder?« Dich interessiert nur das eine: im Rennen zu bleiben. Die Tour Down Under ist eine Rundfahrt, kein Eintagesrennen, so etwas wie der Giro d’Australia. Jeder Tag bietet die Gelegenheit, sich doch noch zu beweisen. Wegen so eines harmlosen Kratzers am Arm, wie du es nennst, gibst du nicht auf. Und außerdem kommt es doch sowieso auf die Beine, nicht wahr?“

 

Du steigst sofort wieder in den Sattel, mit Verbänden und Pflastern übersät wie damals, als du als kleiner Junge in den Graben gefallen warst. Und es gelingt dir nicht nur weiterzufahren, du zeigst auch, was du kannst, legst mit keinem Geringeren als Mister Lance Armstrong eine Flucht hin. Am Ende holst du dir den vierten Platz in der Gesamtwertung. »Wer kann hier nicht Fahrrad fahren?«, scheinst du zu fragen, als du mit übermütiger Miene ins Ziel kommst. Dein Arm blutet wieder, die zweiunddreißig Stiche müssen noch mal genäht werden, aber wen kümmert das. Beim Abendessen müssen dich deine Teamkollegen füttern, aber das geht in Ordnung, es hat sich gelohnt. Deine Beine allerdings werden gleich wieder unruhig. Sie wären am liebsten schon ganz oben. Sie sind gesund und kräftig, mit Waden wie Korbflaschen und Oberschenkeln, die jederzeit bereit sind zu explodieren.

 

 

Als Kind hast du alle möglichen Sportarten ausprobiert: Karate, Schwimmen, Fußball, Skateboard, sogar Tanzen, zusammen mit deiner Mutter, einer großen Träumerin, die Dirty Dancing liebt. Sie kennt jede Szene auswendig, wie oft mag ihr der Film geholfen haben, dem Alltag zu entrinnen und sich eine bessere Zukunft auszumalen. Eine Zukunft, die du ihr schließlich schenken wirst. Auch mit dem Radfahren hast du früh begonnen, der Einzige in der Familie, der es auf Anhieb ohne Stützräder versucht hat. Aber begeistert bist du nicht davon. Bis man dich an einem Apriltag mitnimmt, um deinen älteren Bruder Juraj anzufeuern. Der fährt bereits Rennen und will das zum Beruf machen, wenn er mal groß ist. Während du ihm zusammen mit deinen Schwestern dabei zusiehst, wie er seine Runden dreht, passiert etwas Magisches, etwas, das dein Leben für immer verändern wird. Juraj gewinnt mit einem glänzenden, sicheren Schlussspurt direkt vor deinen Augen. Er siegt, aber er jubelt kaum, so ist er nun mal, schüchtern und introvertiert, das genaue Gegenteil von dir. Seine nüchterne, anspruchslose Art bringt dich zur Weißglut. Bei der Beobachtung, dass er sich nicht freuen kann, bricht in dir etwas auf: »Wenn ich gewonnen hätte, würde ich jetzt so was von feiern.« In diesem Augenblick wird Peter Sagan geboren. Wie es bei Nietzsche heißt: »Und verloren sei uns der Tag, wo nicht ein Mal getanzt wurde!“

 

Flandern-Rundfahrt 2013. Auf der höchsten Stufe des Siegertreppchens steht wieder einmal, na wer wohl, der Schweizer Cancellara. Der kommt dir ständig in die Quere. Hier genießt er gerade die Revanche für die Schlappe, die er bei der Tour erlitten hat. Doch auf der Stufe unmittelbar darunter, auf dem zweiten Platz, stehst du. Und da bekommst du auf einmal Lust, ebenfalls zu jubeln, und beschließt, es auf deine Weise zu tun. Sonst findest du diese Rituale ja einfach sterbenslangweilig. Während die Hostess Fabian also einen Kuss auf die Wange drückt, streckst du, als wärst du von allen guten Geistern verlassen, die Hand aus und kneifst sie in den Hintern. Wie ein Jugendlicher auf einem Schulausflug oder ein Halbstarker, der in der Kneipe seine Freunde zum Lachen bringen will. Nur dass Fernsehkameras aus der ganzen Welt auf dich gerichtet sind, dazu die Blitze der Fotografen, Gelächter überall. Aber genau das wolltest du doch, oder? Eine Show abziehen, Spaß machen, provozieren. Seit jeher ist das und nur das dein Ziel: Freude, Party, Vergnügen. Zum Teufel mit der Langeweile und den Leidensmienen, als wärt ihr noch immer »Strafgefangene der Landstraße«. Der Sieger heißt Fabian Cancellara, aber mehrere Tage lang beherrscht die »Dummheit« von Peter Sagan die Schlagzeilen. Für wen hält sich dieses ungezogene Bürschchen eigentlich? Den Mädchen an den Hintern fassen, also wirklich. Das gibt Ärger. 

 

Wenn du heute – nie allzu zeitig, um ehrlich zu sein – dein Vormittagstraining auf den Straßen von Monte Carlo absolvierst, fährst du gerne am Hafen vorbei und siehst dir die Jachten an, die Motorboote der Millionäre, Juwelen mit aerodynamischem Kiel. Du genießt es, dich als Teil dieser schillernden, glamourösen Welt zu fühlen, weit weg von deinen einfachen Wurzeln und den Mühen deines Sports. Könnte man nicht statt der Kurbeln Segel am Fahrrad befestigen, sodass es dich davonträgt? Du betrachtest diese Pracht auf dem Meer und steuerst dann geradewegs auf dein geliebtes Italien zu. Du hast dich sofort in dieses Land verguckt, als du, noch als Jugendlicher, nach Brescia kamst, zum Team Liquigas. Du bist vernarrt in diese Farben, die lokale Küche, die Kunst, das Leben zu genießen, die es so nur dort zu geben scheint. Noch heute unterhältst du dich im Trainingslager gerne mit deinem neuen Teamkollegen Alberto Contador darüber, einem weiteren Italienliebhaber. 2015 hast du die Mannschaft gewechselt, bist jetzt bei Tinkoff Saxo, dem Team des russischen Magnaten Oleg Tinkow, einer extravaganten, aber auch äußerst anspruchsvollen Figur. Von dir erwartet er sich große Taten, er hat dich ja auch für teures Geld geholt; die Schelmenjahre sind vorbei, heute bist du ein Star mit Millionengehalt und unendlich viel mehr Verantwortung. Sooft du aufs Meer hinausblickst, denkst du daher mit einer gewissen Wehmut an Italien, an jene sorglosen und großartigen ersten Jahre, deine Anfänge als »echter« Radprofi.

 

»Schaut mal genau hin, der Junge hat so ein spezielles Leuchten in den Augen«, sagt Gian Enrico Zanardo, als er dich 2009 dem Teammanager von Liquigas, Roberto Amadio, empfiehlt. Er hat dich gerade bei der Juniorenweltmeisterschaft in Mexiko gesehen und behauptet, dir würde die Zukunft gehören. Wenige Monate später erfreut sich Roberto bereits an seinem Goldjungen: »Der wird alles gewinnen, ein Tier ist das!« Ein Tier, wie bitte, du bist doch kein Huhn in der Legebatterie. Aber du lässt dich auf das Spiel ein und bereitest dich aufgeregt auf diekommende Saison vor. Die erste in der Welt der Großen, nach deiner Lehrzeit bei den Junioren und einigen Erfolgen auf dem Mountainbike. Du rasierst dir den Schädel, als wäre das ein Initiationsritus oder vielleicht auch nur, um noch windschnittiger zu sein. Bald musst du einen Tunnel aus zermürbenden Trainingseinheiten durchqueren. Im Velodrom von Montichiari, wenn es draußen schneit, und in den Voralpen der Lombardei und des Veneto, sobald das Thermometer über null Grad klettert. Durch zahlreiche Besuche in örtlichen Bars lernst du schneller Dialekt als Schulitalienisch. Auch, weil du wahnsinnig gerne einen ausgibst, du liebst diese seltsame und tückische Sitte, die sie hier pflegen, diese »Happy Hour«. Sie scheint eigens für dich erfunden. Wo immer du auftauchst, geht es rund, es wird gefeiert, alle haben Spaß. Selbst die zurückhaltendsten und pflichtbewusstesten Teamkollegen gehen inzwischen mit dir aus. Du bist ein vom Himmel gefallenes, grandioses Schlitzohr, dessen Mission darin besteht, das Spielerische dorthin zurückzubringen, von wo es allzu lange verschwunden war.

 

Und auch jetzt, da du reich und berühmt bist und das Spiel nicht mehr ganz so verspielt, fährst du bei jeder Gelegenheit zurück nach Italien. Ventimiglia liegt ja auch nur einen Katzensprung von Monte Carlo entfernt, und wenn du schon schwitzen musst, dann lieber an einem Ort, an dem du dich wohlfühlst. Und dann sind da ja auch noch sie, die Italienerinnen. Sie sind aus einem anderen Holz geschnitzt als die Frauen anderswo, sinnlicher, echter, an Schönheit nicht zu überbieten. Wenn du die Strandpromenade entlangfährst, drehen sie sich nach dir um, die eine oder andere pfeift dir sogar hinterher. Da kommt der schöne Peter Sagan, der sein Rennrad steigen lässt wie der Motorradweltmeister Valentino Rossi seine Maschine. Und du tust ihnen gern den Gefallen, springst auf den Gehsteig oder auf eine Verkehrsinsel und wieder hinunter, inszenierst dich mit Zirkusnummern, die der Schwerkraft Hohn zu sprechen scheinen. Natürlich nur, wenn dein Sportlicher Leiter nicht herschaut, ein Kläffer, der dich für den kleinsten Lausbubenstreich anblafft.

 

Das Fahren auf dem Hinterrad ist inzwischen zu deinem Markenzeichen geworden. Der unwiderlegbare Beweis dafür, dass du es bist, der hier vorbeirollt, die Paradenummer in deinem Repertoire, das Kunststück, das sich dein Publikum an jeder Kurve herbeiwünscht. »Hey Peter, Wheelie, Wheelie!«, und du lässt großzügig das Rad steigen, manchmal fährst du sogar freihändig weiter. Eines Tages leistest du dir diese Frechheit auf den heiligen Rampen des Alpe d’Huez, im Tempel des Radsports. Ein Sakrileg. Die Puristen rümpfen die Nase. Die jungen Leute jubeln. Aber du hattest es deinen Fans auf Facebook und YouTube versprochen: »Ich lasse mir immer etwas einfallen, um euch zu unterhalten.« Mehr Tanz, mehr Nietzsche, mehr Sagan. 

 

Du ziehst gern eine Show ab, das ist die Wahrheit, ohne Show würdest du dich zu Tode langweilen, da hättest du dich wirklich besser als Pizzabäcker verdingt und die Familientradition in der Gastronomie fortgesetzt. Wenn bei der Tour die Stars interviewt werden, Vincenzo Nibali oder Chris Froome, dann stellst du dich hinter sie wie der Klassenclown und fängst an, Grimassen zu schneiden, sie aus dem Konzept zu bringen, du spielst den Störenfried, damit sie lachen, im Grunde haben sie das nötig. In Wahrheit ginge es den anderen ohne dich viel schlechter. Nibali weiß das sehr wohl, er sagt, wenn es dich nicht gäbe, müsste man dich erfinden, und auch Froome weiß es, der schon den Kopf schüttelt, wenn er dich irgendwo auftauchen sieht. Dave Brailsford, der Teammanager von Sky, versteigt sich zu der Aussage: »Sagan siegen zu sehen, das ist, wie wenn man im Stadion ein Tor von Messi sieht.«

 

Alle lieben dich. Peter Sagan, der Clown, Peter Sagan, der Ausnahmekönner. Du bist ein strahlender Vertreter der Freude am Radfahren. Nicht nur deinen Kollegen tust du gut, sondern jedem, der sich aufs Fahrrad setzt: Wenn du auf deinem Specialized den Hügel hinunterbrichst oder auf den Gehsteig hüpfst und wieder wirst du zum Idol aller kleinen Jungen. Sie rasen dann selbst herum und eifern dir mit ihren Fixies nach, jede Wette. »Genug von den Leidensmienen, genug von den langen Gesichtern à la Coppi und Bartali, Radfahren ist Freude«, scheinst du zu sagen. Genauso wie tanzen, spielen, leben. Los geht’s, alle im Rock’n’Roll-Rhythmus auf die Straße, zusammen mit Peter Sagan.

 

Eben deshalb konntest du deinen Bruder mit seiner einarmigen, leidensvollen Siegergeste nicht ertragen. »Jetzt genieß es doch, Herrgott! Du hast gerade ein Radrennen gewonnen, das ist das Schönste, was es gibt!« Das Privatleben vom Beruflichen zu trennen hast du nicht nötig. In dir verbindet sich beides auf magische und spontane Weise zu ein und derselben Sache. Wenn du radfährst, bist du derselbe, der in der Küche steht, Pfannkuchen bäckt und sich dabei mit dem iPhone filmt; wenn du lossprintest und alle stehen lässt, bist du derselbe, der in der Bar mit seinen Freunden ein Bierchen zischt. Du bist immer du, Peter »Peto« Sagan. Da gibt es keine Verstellung, nichts Forciertes, da wird keine Rolle gespielt. Als du bei der sechzehnten Etappe der Tour de France 2015 in halsbrecherischem Tempo den Col de Manse hinabrast, während die Reporter das Publikum warnen: Don’t try this at home«, tust du genau das, was du tun willst. Ohne zweimal zu überlegen, hast du dich in diese Abfahrt gestürzt, und du lässt dich gehen, wie du es auch im Training tun würdest oder bei einer Ausfahrt mit Freunden. Du spielst. Wenn du dich in die Kurven legst, läuft es einem kalt den Rücken herunter, das riecht nach Wiesengras und einem Sturz ins Leere. Einige sagen sogar, du seist ein schlechtes Beispiel für die jungen Leute, die es auch mal mit dem Radsport versuchen wollen. Aber würde eine Kamera dein Gesicht filmen, während du mit neunzig Sachen den Berg hinunterfährst, so könnte man garantiert ein Grinsen sehen, das von einem Ohr zum anderen reicht. Wann hattest du das letzte Mal einen solchen Spaß? Wie beneiden dich deine Kollegen um deine Natürlichkeit, diesen kindlichen, leichten Zug, den du fast unbewusst in jede Geste legst. Natürlich, im Vergleich dazu wirkt bei ihnen alles furchtbar schwer und mühsam.

 

Aber es kann nicht immer alles Leichtigkeit sein, ein Spiel braucht einen Anfang und ein Ende. Du kannst nicht alles auf die leichte Schulter nehmen, als wäre es ein alberner Scherz, das Leben eines Radprofis besteht auch aus Verantwortung und den Ergebnissen, die man vorzuweisen hat. Und aus all den Opfern, der Quälerei und der Schwere, die du so gar nicht liebst. Wenn du dauerhaften Ruhm ernten und nicht wie ein Meteor verglühen willst, dann musst du dich beeilen, der Zug ist schnell abgefahren. Die Journalisten haben bereits begonnen, dich als »ewigen Zweiten« abzustempeln. Denn allzu oft überquerst du die Ziellinie nach dem Sieger.

 

2013 passiert dir das erst bei Mailand-Sanremo und dann bei der Flandern-Rundfahrt. Beide Male wirst du nur Zweiter. 2015 schlägst du schließlich jeden Rekord: Da kommst du ganze siebzehn Mal direkt hinter dem Ersten ins Ziel! Dreimal davon innerhalb der ersten sechs Etappen bei der Tour de France! Gnadenlose Zahlen, die schon fast etwas Komisches an sich haben, das gehört ins Guinness-Buch der Rekorde. Peter kann einfach nicht gewinnen. In Italien vergleichen sie dich bereits mit Álvaro Recoba von Inter oder Mario Balotelli von AC Mailand. Ein unvollendeter Ausnahmesportler, der sein Potenzial nie ausschöpfen wird. Einer, der, anstatt eine Topleistung abzurufen, im entscheidenden Moment abtaucht, man weiß weder wie noch warum. Wie auf Godot warten sie hinter der Ziellinie auf dich. Bei Regen und bei Sonnenschein, aber dann fährst du doch nie als Erster ein. Du kommst immer einen Moment zu spät. Das kann eine Frage von Zentimetern sein, manchmal sogar von Millimetern wie bei der Tour de France des Jahres 2015. Da machst du eigentlich alles richtig, wie ein echter Hauptdarsteller, lieferst dir beim Zielsprint ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem Belgier Greg Van Avermaet vom Team BMC, und der lässt dich einen Meter vor der Ziellinie um eine Winzigkeit hinter sich, um ein paar Dutzend Millimeter. Was zum Teufel sind fünfzig Millimeter? Weniger als das Lineal, das du in der Schule im Federmäppchen hattest, so gut wie nichts. Und doch, bei Licht besehen langweilt dich auch das. Die Frage wird heiß diskutiert, in den Zeitungen erscheinen böse Kommentare, die Leute scheinen vergessen zu haben, wie du alle zum Lachen gebracht hast und wie hoch die Auflage war, die sie deinen eigenwilligen Jubelgesten verdanken. Das ist ihnen jetzt nicht mehr genug. Du stehst am Scheideweg: Entweder gewinnst du wie ein Champion oder du bleibst wirklich der ewige Zweite.

 

Du entscheidest dich fürs Gewinnen, und zwar an einem Septembertag in den Vereinigten Staaten. Der Himmel ist grau wie in Žilina fast das ganze Jahr, das macht für dich also keinen großen Unterschied. Am Vorabend hat es geschüttet, jetzt ist es trocken, so soll es bitte auch bleiben, sonst würden sich beim Rennen alle zurückhalten, mit einer Sorge mehr im Kopf und einem Gang weniger in den Beinen, das Spektakel würde darunter leiden. Du siehst dich um und erblickst eine Wüste, unter tausend bunten Trikots hast du nur zwei Teamkameraden, einer davon ist dein Bruder Juraj. Bei der Weltmeisterschaft treten Nationalmannschaften an, die slowakische besteht nur aus eurem Grüppchen: drei Radprofis, zwei aus derselben Familie. Die anderen Teams, Belgien, die USA, Australien, selbst Italien sind wahre Panzerkreuzer, da stehen Beißer und Wasserträger bereit, um sich für ihren besten Mann einzusetzen. Die Losung lautet: das Potenzial der Sprinter bis zum Endspurt schonen. Du dagegen wirst alles allein machen müssen, so viel ist klar. Umso besser, scheinst du dir zu denken, während du unter der dunklen Brille spöttisch lächelst. Die Haare, lang und ungebändigt, Lichtjahre entfernt von deinem kahl rasierten Schädel aus der Zeit beim Team Liquigas. Um deinen Mund liegt ein Bartschatten, eigentlich nur ein Flaum, aber der sieht richtig gut aus. Du wirkst rundum wie einer, der heute vorhat, aufs Ganze zu gehen. Da macht man es sich am besten bequem, schnallt sich an und genießt die Show. Der Belgier Tom Boonen, ein erfahrener Ausreißer und Weltklassesprinter, scheint etwas zu wittern. Und lächelt dir zu. Als Einziger.

 

Es ist die zweite Straßenweltmeisterschaft, die in den USA stattfindet, die letzte wurde 1986 in Colorado Springs ausgetragen. Diesmal befinden wir uns in Richmond, im Hinterland des Ostküstenstaats Virginia, auf halbem Weg zwischen New York und Miami. Dort stehen entlang der Monument Avenue die Statuen von General Robert Edward Lee und Jefferson Davis. Der Kurs, der fünfzehn Mal zu absolvieren ist, enthält drei Stellen, die sich für Ausreißversuche eignen könnten, darunter zwei Anstiege auf Pflastersteinen mit einer brutalen Steigung von bis zu sechzehn Prozent. Anstiege, die sehr an jene der Flandern-Rundfahrt erinnern, bei der du in diesem Jahr zur allgemeinen Enttäuschung nur Vierter geworden bist. Ein Unjahr, dein 2015. Vor einem Monat kam bei der Vuelta dann auch noch Pech ins Spiel: Ein Motorrad des Veranstalters hat dich angefahren, und danach war das Rennen für dich vorbei. Um dich von dem Unfall zu erholen und wieder fit zu werden, bist du hierher gereist, hast einen Monat im heißen Westen verbracht, in Utah. Auf schnurgeraden Straßen, die quer durch die Wüste schneiden, hast du hart trainiert, hast Staub und Wut gefressen wie nie zuvor, aber du bist gestärkt daraus hervorgegangen. Wie Luke Skywalker nach seiner Ausbildung bei Meister Yoda auf dem Planeten Dagobah.

 

Einen Pfeil hast du noch im Köcher, den wichtigsten deiner Karriere. Die Weltmeisterschaft in Richmond. Sonntag, 27. September 2015. Das Straßenrennen der Männer in der Profikategorie ist 261,5 Kilometer lang. Viele behaupten ja, du würdest jenseits der zweihundertfünfzig Kilometer nichts zustande bringen, und außerdem trittst du, wie gesagt, ohne größeres Team an, alleine schaffst du das nie. Sinnlos, sich Hoffnungen zu machen. Du aber gehst grinsend an den Start, mit einer Gelassenheit und Natürlichkeit, die Eindruck macht.

 

Startschuss, es geht los! Die ersten sechs Stunden verlaufen so öde wie ein tschechoslowakischer Arthouse-Film, ein paar Scharmützel, der eine oder andere Sturz, sonst nichts. Keine Farben, keine Emotionen. Niemand gibt sich die Blöße, niemand riskiert etwas, niemand lässt die Fantasie spielen. Erst drei Kilometer vor dem Ziel geht es rund, bei der letzten Einfahrt auf die Straßen dieser an Denkmälern reichen Stadt. Hier steht das älteste Kapitol Amerikas, überall Stars and Stripes. Man würde sich nicht wundern, wenn von irgendwoher Kevin Spacey aus dem Publikum auftauchen würde, in seiner Rolle als Frank Underwood in House of Cards. Etwas Feierliches liegt in der Luft, man spürt eindeutig: Heute ist ein großer Tag. Auch den feuchten Asphalt und die prickelnde Luft wird man so schnell nicht vergessen. Und da beschließt der kleine Rebell, der bisher immer nur Zweiter wurde, auch einmal als Erster ins Ziel zu kommen.

 

Aber er will das auf seine Weise tun, ohne auf Rebellentum und Originalität zu verzichten. Ihm kommt ein irrer Geistesblitz, ein aufrührerischer Gedanke inmitten eines Rennens für Buchhalter, das nur aus Berechnungen zu bestehen scheint, aus Gleichungen und Blicken aus dem Augenwinkel, denen weiter nichts folgt.

 

Drei Kilometer vor dem Ziel sorgst du für klare Verhältnisse. Mit deiner angeborenen Leichtigkeit durchbrichst du den Rhythmus. Am letzten Anstieg steigerst du zwischen den losen Pflastersteinen plötzlich das Tempo und reißt aus. »Ach ja, jenseits der zweihundertfünfzig Kilometer gewinne ich nie? Ach ja, ich bin der ewige Zweite? Jetzt passt mal auf«, scheinst du in die Runde zu rufen. Wie Messi umdribbelst du einen Gegner nach dem anderen und entschwindest in vollkommener Einsamkeit Richtung Tor. Du legst einen extrem hohen Gang auf, der Umwerfer deines Specialized gibt ein trockenes, metallisches Knacken von sich. Die anderen schrecken hoch: »Der wird doch jetzt hier nicht abhauen?«, scheinen sie zu denken. Aber da bist du schon weg. Bis ins Ziel sind es noch zweieinhalb Kilometer, vielleicht zu weit, aber egal, Berechnungen sind sowieso nichts für dich, und von deinen zwei slowakischen Kameraden könnte dir auch keiner folgen. Da versuchst du es besser allein. Am Anstieg vergrößerst du nach und nach mit erneuerter Kraft deinen Vorsprung. Mit dem Geschick und der Waghalsigkeit eines Spitzenfahrers stürzt du dich in die anschließende kleine Abfahrt, holst noch mehr Vorsprung auf den Rest des Feldes heraus. Du gehst aus dem Sattel und erhöhst ein weiteres Mal das Tempo, und der kleine Vorsprung wächst zu einer breiten Schlucht heran. Dein hautenges Trikot in Weiß-Rot-Blau – den Farben der Slowakei – spannt sich über deinem muskulösen Körper. Ein letzter Aufruf, sämtliche Energien zu mobilisieren.

 

Noch ist es aber nicht geschafft. Eine Kurve taucht auf, um dich daran zu erinnern, die Ziellinie ist noch nicht in Sicht, sie scheint unendlich weit weg. Für einen Augenblick zögerst du, in deinen Muskeln brodelt das Laktat, du hast deinen Körper über jegliche Grenzen hinausgetrieben, wie du es noch nie zuvor getan hast. Dieses Gefühl muss jeder große Radfahrer, wenn er berühmt werden will, früher oder später kennenlernen. Eine Qual von der Art, die man zum Rausch sublimieren muss, bevor Erschöpfung und Angst einen niederringen. Und das tust du. Auf dem letzten Kilometer ist dein Tritt natürlich weniger rund, fast schon eckig, irgendwann rutschst du sogar aus dem Pedal. Aber das dauert nur einen Moment, dann bist du wieder eingeklickt, und deine perfekte Maschine pumpt nahtlos weiter. Mit Mühe findest du zu dem Rhythmus zurück, in dem du vorher unterwegs warst und den du vielleicht gar nicht bis ins Ziel hättest durchhalten können, aber jetzt hast du ihn wieder. Du willst diesen verdammten Sieg, du hast ihn schon vor Augen.

 

Einen Moment lang denkst du an deinen Bruder, der irgendwo da hinten ist, erinnerst dich an seinen Widerwillen zu jubeln. Dir wird jetzt klar, dass es sich dabei nicht um Bescheidenheit handelte oder um einen Mangel an Verve, er wusste einfach, was es bedeutet zu siegen. Manchmal erfordert das Spiel mehr Ernst, als einem lieb ist.

 

Noch ein Kilometer, das Ziel scheint nicht näher kommen zu wollen, hinter dir sind deine Feinde zu hören, das Stampfen einer Herde wild gewordener Büffel. Das sind die Verfolger, die noch versuchen, dich einzuholen. Ein Einzelner an der Spitze, ein Halunke, der gerade eine Bank ausgeraubt hat. Und dahinter die Polizei, die ihn jagt, eine Autokolonne in vollem Tempo, Kopfgeldjäger, zu allem bereit, um ihn zu stellen. Diesmal hast du wirklich etwas ausgefressen, du hast es doch gewusst. Jetzt ist es zu spät, um noch auszusteigen, jetzt kann man nicht mehr sagen: »Ich habe das nicht gewollt.« Und wenn du heute untergehst, dann wird das Gerede in den Zeitungen morgen unerträglich. Du bist am Ende. In deinem Rücken, inmitten der Staubwolke, machen sie sich bereit, dir die Handschellen anzulegen, allen voran der Australier Michael Matthews, gestern noch einer der Favoriten, und Ram¯unas Navardauskas, der Litauer mit dem unaussprechlichen Namen und den unglaublichen Beinen. Aber das sieht nur im Fernsehen so aus, die Kameraperspektive vor der letzten Kurve täuscht, eigentlich sind die Polizisten tausend Meilen weit entfernt, verloren im Kondensstreifen des Diebs in seinem Überschalljet. Allesamt so schwer und behäbig wie Kommissar Hunter in den Micky-Maus-Heften und nicht mehr im richtigen Alter, um dich zu verfolgen. »Schnappt mich doch«, scheinst du sagen zu wollen, als du dich ein letztes Mal umdrehst, die schönste Drehung deines Lebens. Erschöpft stützt du die Hände auf den Lenker. Katarina, deiner zukünftigen Frau, schlägt das Herz bis zum Hals, aber sie fängt an, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen, sie möchte dir entgegenlaufen und dir den längsten Kuss geben, den du je bekommen hast.

 

Noch vier-, drei-, zweihundert Meter. Was sind schon zweihundert Meter? Ja, sicher, aber dann fällt dir ein, wie grausam auch fünfzig Millimeter sein können, dieses Stück, das kürzer ist als die Striche auf deinem verflixten Lineal. Und da drehst du dich nicht noch mal um, sondern packst den Lenker und kurbelst. Du trittst in die verdammten Pedale, die sich anfühlen wie Marmor. Fünfzig Meter, es ist geschafft. Aber du musst bis ins Letzte Peter Sagan sein: Denk dran zu jubeln, wie nur du es kannst. Zu tanzen, zu lachen, immer zu spielen. Deine Mission.

 

Du nimmst die Hände vom Lenker, breitest die Arme aus und richtest dich kerzengerade auf. Endlich locker und entspannt, nach sechseinhalb Stunden maßloser Anstrengung. Du fährst über die Ziellinie, als wäre das alles von Anfang an klar gewesen: »Ich bin Weltmeister, irgendwelche Fragen?«

 

Und dann bleibst du endlich stehen. Einen letzten Spielzug hast du noch für deine Freunde parat: Du wirfst den Helm und die Handschuhe ins Publikum und schüttelst dann all deinen Gegnern die Hand, keiner bleibt außen vor. Jeder von ihnen ist glücklich, zu deinem Fest eingeladen zu sein, alle klatschen dich ab. Die gesamte Schönheit dieses Moments steht in den Augen des Belgiers Tom Boonen, eines schlachterprobten Veteranen. Er ist verschwitzt und völlig erledigt, aber er kann nicht anders, als er dich sieht, steigen ihm die Tränen in die Augen. Man könnte glauben, er sei der Sieger. Man könnte glauben, alle hätten gesiegt. Heute ist wirklich ein besonderer Tag – einer hat das Spielerische dorthin zurückgebracht, wo es so lange gefehlt hat.“

 

Veröffentlichung der Leseprobe mit freundlicher Genehmigung des Piper Verlags. 

Fotos: Bora Hansgrohe

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