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Der Lehrer von Gino Bartali

In diesem Monat erinnern wir an bestimmten Stichtagen an bemerkenswerte Ereignisse der Radsportgeschichte und auch vergessene Fahrer. Darunter Learco Guerra, die „menschliche Lokomotive“, die in den 1930ern alles gewann, was es in Italien zu gewinnen gibt.

7. Februar 1963, Todestag von Learco Guerra

Learco Guerra 1931.
Learco Guerra 1931.


Seine Zeit begann, als Alfredo Bindas große Jahre sich dem Ende zu neigten. In Stil und Persönlichkeit völlig unterschiedlich, kämpften die beiden miteinander um Siege und die Gunst des Publikums.

Guerra konnte die Resultate des einzigartigen Binda nicht erreichen, aber das Publikum liebte ihn trotzdem. Er hatte ein charismatisches Lächeln und sah auf eine etwas zerzauste Art ungemein gut aus. Die regierenden Faschisten vereinnahmten ihn gern, um ihr Image mit seinen Erfolgen aufzupolieren.

Und er gewann deutlich mehr als die meisten. 1930 kam er als Italienischer Meister in Bindas Diensten zur Tour. Der Campionissimo musste auf der zehnten Etappen aussteigen, und Guerra versuchte daraufhin, das Beste aus seiner neuen Freiheit zu machen. Er holte sich drei Etappensiege, trug sieben Tage lang Gelb und wurde Zweiter in Paris. Drei Jahre später kehrte er zurück, gewann fünf Etappen und wurde wiederum Zweiter im Gesamtklassement.
Der Meisterschaftstitel 1930 war übrigens der erste von fünfen hintereinander.
1931 war Guerra einer der Favoriten beim Giro, der in diesem Jahr nicht allzu bergig war, abgesehen von der vorletzten Etappe hinauf nach Sestrière. Guerra gewann die Eröffnungsetappe und streifte sich somit als erster Fahrer überhaupt das Rosa Trikot über, das in diesem Jahr eingeführt wurde. Dennoch endete das Rennen für ihn sehr unglücklich: Auf der neunten Etappe führte er gerade das Peloton an, als er von einem neben ihm laufenden Fan zu Fall gebracht wurde und das Rennen beenden musste. Italien war geschockt.
Aber Guerra kam zurück. Er gewann Etappen auf den Italienrundfahrten der Jahre 1932 und 33 und schließlich zehn Etappen und den Gesamtsieg 1934.
Als Weltmeister des Jahres 1931 und Sieger bei Mailand–San Remo und der Lombardeirundfahrt gewann er praktisch alles, was es in Italien zu gewinnen gibt. Mit seinen 31 Etappensiegen beim Giro ist er derzeit Dritter auf der Liste der Top-Gewinner dort.
Der Kriegsausbruch 1939 bedeutete das Ende von Guerras Karriere. Er starb 1963, nachdem er an der Parkinsonschen Krankheit gelitten hatte. «Er war mein Lehrer», sagte der legendäre Gino Bartali über ihn.

 

 

Aus: Giles Belbin: Ein Jahr im Sattel. 365 Geschichten aus der Welt des Radsports. 337 Seiten, Verlag Freies Geistesleben, 25 Euro, ISBN 978-3-7725-2821-7