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Ausgezeichnete Bilanz eines durch und durch mittelmäßigen Radsportlers

Für Garmin-Sharp fuhr Phil Gaimon in der World Tour mit – meist als Domestik.
Für Garmin-Sharp fuhr Phil Gaimon in der World Tour mit – meist als Domestik.

Ein mittelmäßiger Ex-Profi wärmt in seinem neuen Buch ein paar alte Gerüchte zum Thema Motordoping auf. Fabian Cancellara echauffiert sich auf Ansage und schickt seine Anwälte los – und die Autobiografie erhält in der Radsportwelt die 30 Stunden Ruhm, die sie eigentlich nicht verdient. So lautet eine weit verbreitete Version zur Rezeption von Phil Gaimons Buch „Draft Animals“ (352 Seiten, Penguin 2017, bislang nur auf Englisch erschienen, der Covadonga Verlag plant eine deutsche Ausgabe für den Sommer 2018). Eine Auslegung, die jedoch in die Irre führt.

Einen Schnitt zurück: Mitte November machte Gaimons Buch weltweit Schlagzeilen, wegen einiger weniger Zeilen, in denen der Autor insbesondere auf Cancellaras Sieg bei Mailand-San Remo 2008 zu sprechen kommt. : „I dismissed it until I heard his former teammates talk about certain events where Cancellara had his own mechanic, his bike was kept separate from everyone else's, and he rode away from a ‘who's who’ of dopers.“ Und: „When you watch the footage, his accelerations don't look natural at all, like he's having trouble staying on the top of the pedals. That fucker probably did have a motor.” Ein altes Gerücht, als Gerücht („probably“) in einem Buch wieder aufgegriffen – nicht mehr, nicht weniger. Die Anwälte Cancellaras forderten daraufhin, die Auflage des Buchs vom Markt zu nehmen, was Gaimon (und sein Verlag Penguin Random House) ablehnte; wenige Tage später forderte Cancellara – offenbar inzwischen  nicht mehr besonders erbost – Gaimon auf, 2018 bei einem Rennen gegen ihn anzutreten. Einer, der Gaimon vorwarf, mit den Anschuldigungen Kasse machen zu wollen, war übrigens Jens Voigt im Interview mit dem Cyclin Blog.

Zwar dürfte „Draft Animals“ durch die Schlagzeilen zumindest kurzzeitig tatsächlich einen Verkaufsschub erhalten haben – man würde dem Buch und dem Autor allerdings wünschen, dass der Motordoping-Sturm im Wasserglas ausgeblieben wäre, denn er lenkt davon ab, dass Gaimon ein ausgezeichneter Autor und „Draft Animals“ zu den besten Radsport-Biografien gehört. Das Buch ist nicht sein erstes, schon während seiner aktiven Zeit als Radsportler verfasste Gaimon Bücher: 2014 „Pro Cycling on $10 a Day“ und 2016 „Ask a Pro“.

Mittelmäßiger Radrennfahrer – und ausgezeichneter Autor: Phil Gaimon.
Mittelmäßiger Radrennfahrer – und ausgezeichneter Autor: Phil Gaimon.

 

Das Herausragende an Gaimons Büchern ist in erster Linie sein Humor. Während andere Pros wie Vincenzo Nibali in ihren Büchern durch das Ausbleiben jeglicher Selbstironie und jeglichen Witzes auffallen, triefen Gaimons Bücher nur so vor witzigen Anekdoten und Bemerkungen, insbesondere wie er sich und seine Mannschaftskollegen durch den Kakao gezogen hat. Bei seinen Fans ist Gaimon übrigens als „Cookie Monster“ bekannt, als keksversessener Athlet inmitten einer Szene, in der Zuckerkonsum verpönt ist. Auf seiner Webseite hat Gaimon die Top-10 seiner Lieblingskekse veröffentlicht, bittet dort auch um Keksspenden („wenn ich nach dem Verzehr positiv getestet werde, werde ich Dich aufspüren und töten“) und hat nach seiner Pro-Pensionierung auch schon mal in einem Kekskostüm seine früheren Kollegen bei Rennen angefeuert.

Doch wie so oft bei guten Humoristen wird Gaimons Witz an vielen Stellen im Buch gefärbt durch bittere Erfahrungen – für Gaimon ist Humor immer auch die Verarbeitung von schwierigen Situationen. Denn die Schilderung seiner Karriere zeigen die Aufs und Abs eines tatsächlich durch und durch mittelmäßigen – und dadurch für das Gros seiner Zunft typischen – Rennfahrers, der in seiner zwölfjährigen Karriere gerade einmal zwei Jahre im Lager der World Tour-Profis fahren konnte, bei Garmin-Sharp 2014 und Cannondale 2016. Sein größter Erfolg? Vermutlich ein Etappensieg bei der Tour of San Luis, Argentinien, im Jahr 2014. Oder der Sieg seiner Mannschaft bei der Tour of California im gleichen Jahr. Ein Sportler, der nie bei den großen Rundfahrten in Italien, Frankreich oder Spanien antreten durfte. Der fast immer für andere in seiner Mannschaft schuftete. Und der immer wieder hart für seine Vertragsverlängerungen kämpfen musste. Im Buch wird insbesondere seine Zeit bei Garmin-Sharp rekapituliert, zähe Monate, in denen Teamchef Jonathan Vaughters ihn seinerzeit immer wieder hingehalten und vertrötest hat.

Auch Gaimons Privatleben wird schonungslos offenbart, die schmerzhafte Phase der Trennung von seiner damaligen Freundin, auf deren Heiratsantrag er vergeblich gewartet hatte. Der Tod des geliebten Vaters, dem Gaimon auch das Buch widmet.

Insofern ist „Draft Animals“ in erster Linie ein Buch vom Scheitern und vom Leiden, gespickt mit Witzen, die wie Zuckerguss die bitteren Pillen umhüllen, von denen es so einige gab in Gaimons Leben. Sein Buch auf einen kalkulierten Skandal zu reduzieren, greift insofern viel zu kurz.

So ganz hat Gaimon dem Radsport übrigens nicht abgeschworen, im Gegenteil, er mischt teilweise immer noch bei Rennen mit. Im Oktober 2017 fuhr er bei der ultraharten Taiwan KOM Challenge mit: 105 Kilometer ausschließlich bergauf bis auf 3275 Meter. Gaimon wurde am Ende Sechster, Sieger war Vincenzo Nibali. Daneben macht sich Gaimon einen Spaß daraus, im Rahmen seiner „Worst Retirement Ever“-Kampagne („schlimmste Pensionierung aller Zeiten“) die Bestzeiten bekannter Strava-Segmenten zu jagen – und Siege und Scheitern in seinem YouTube-Kanal zu dokumentieren. Sehr sehenswert! 

Phil Gaimon: Draft Animals
Phil Gaimon: Draft Animals