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Der beste Interviewpartner? Marcel Kittel!

Richard Moore
Richard Moore


Wer sich über die wunderbare Welt des Rennradsports informieren will, kommt an Richard Moore nicht vorbei. Der Schotte hat zahlreiche Sportler-Biografien und Artikel geschrieben. Moores „The Cycling Podcast“ ist außerdem mit Abstand der beste seines Genres. Im Interview mit dem Cyclin' Blog bilanziert Moore die Saison, blickt voraus auf 2018 – und erinnert sich an die schönsten und schwierigsten Interviews seiner Laufbahn.

Rückblick

Sie sind früher selbst Profi-Rennen gefahren. 1998 vertraten Sie Schottland bei den Commonwealth Games und landeten beim Zeitfahren auf Platz 22, 5 Minuten hinter dem Sieger Eric Wohlberg. War das Ihr größter Erfolg?
Nein! Das war eine furchtbare Leistung. Es klingt wie eine Entschuldigung, aber ich war damals in den Tagen vor dem Zeitfahren und dem Straßenrennen krank. Mit meiner Familie hatte ich anschließend einen traumhaften Urlaub, auf den wir uns alle gefreut hatten, aber ich selbst war miserabel.

Wie waren Sie als Profi, eher ein Rouleur, Grimpeur, Puncheur oder Baroudeur?
Ich war eher ein Allrounder, wenn auch kein toller Sprinter. Aber konnte gut klettern und zeitfahren. Damals war ich noch dünner als heute.

Wie würden Sie den Charakter Ihrer beiden Podcast-Kompagnons Lionel Bernie und Daniel Friebe auf dem Rad beschreiben?
Hmmm, Lionel ist ein Rouleur, ganz sicher, der in den Bergen so nützlich ist wie eine Teekanne aus Schokolade. Daniel ist dagegen eher ein launenhafter Flâneur (ein Podcast-Scherz).

In welchem Punkt hat sich der Profi-Radsport hauptsächlich seit Ihrer aktiven Zeit verändert?
Es gibt weniger Drogen, hoffentlich zumindest.

Saison 2017

Wer ist Ihr Fahrer der Saison 2017?
Es ist schwierig, nicht Chris Froome zu wählen, ich aber würde sagen: Tom Dumoulin. Sein Giro-Erfolg war überraschender als Froomes Siege bei der Tour und der Vuelta. Auch bei den Kriterien Persönlichkeit und Charisma ist Dumoulin mein Fahrer des Jahres.

Was ist Ihr Thema der Saison 2017?
Wir haben viel über die berühmten „ungeschriebenen Gesetze“ gesprochen – wenn Rennfahrer warten sollen, falls dem Führenden ein Unglück widerfährt. Es gab einige solcher Vorfälle in diesem Jahr, Dumoulin beim Giro, Froome bei der Tour. Nach meiner Meinung sind ungeschriebene Regeln nicht das Papier wert, auf dem sie nicht stehen.

Alberto Contador sich bei der Vuelta mit einer Serie von Attacken verabschiedet. Werden Sie ihn vermissen?
Ja. Es gibt wenige Fahrer, die so wenig Angst vor Attacken haben, egal was die Konsequenzen sind.

Das spanische Publikum und die spanischen Offiziellen haben Contador zum Abschied frenetisch gefeiert, trotz seiner Doping-Vergangenheit. Können Sie das nachvollziehen?
Ja, ich denke schon. Bei Radrennen geht es, oder sollte es zumindest, um Emotionen gehen. Contador hat dies verstanden und die Emotionen der Fans entsprechend angeheizt.

In Deutschland ist Jan Ullrich dagegen weiterhin eine persona non grata. Ist das bedauerlich?
Ich bedauere eher, dass er gedopt hat, aber es ist tatsächlich bizarr, dass einige Fahrer im Schoß der Branche wieder begrüßt werden, während andere verstoßen werden.

In diesem Jahr gab es ein neues Rennformat: The Hammer Series war der Versuch, Schluss zu machen mit den vielen langweiligen Rennen. Ist das Debüt gelungen?
Ich fand es zumindest unterhaltsam, glaube aber nicht, dass dieser Renn-Stil traditionelle Radrennen ersetzen wird. Ich hoffe es zumindest nicht. Ich genieße auch langweilige Radrennen!

Das geht nicht allen Zuschauern so. Wenn Sie ein Jahr lang Chef der Tour de France wären, was würden Sie gegen die Langeweile tun?
Ich würde weniger Sprinter-Etappen ansetzen.


Nächste Saison

Der Kurs der Tour de France 2018 hat viel Applaus von Journalisten geerntet. Ihren auch?
Ja, ich freue mich besonders auf die erste Hälfte im Norden Frankreichs, besonders die Kopfsteinpflaster-Passagen! Da wird es eine richtige Paris-Roubaix-Etappe geben, und das dürfte unterhaltsam werden.

Wer wird das Duell der Giganten gewinnen, Dumoulin oder Froome?
Ich habe keine Ahnung.

Wer hat die besseren Waffen?
Froome hat das bessere Team und ist in den Bergen besser – wenn er seine Form aus den Jahren 2013 bis 2015 wiedererlangen kann. Dumoulin ist besser im Zeitfahren und insgesamt unverwüstlicher.

The Cycling Podcast

Sie haben schon 2008 erste Schritte beim Thema Podcasts unternommen, einige Jahre, bevor The Cycling Podcast 2013 an den Start ging. Wo liegen die Vorteile dieses Kanals verglichen mit Ihren anderen Veröffentlichungs-Wegen?
Es macht einfach viel Spaß, und es ist eine Dreier-Konversation, bei der ich sehr viel lerne. Der Vorteil von Audio gegenüber anderen Medien besteht darin, dass die Nutzer zuhören können, während sie etwas Anderes tun. Du kannst nicht beim Autofahren oder Geschirrspülen eine Zeitschrift lesen, wohl aber einem Podcast lauschen.

Ist es manchmal schwierig für Sie als Journalist, zwischen traditionellen und neuen Medien zu wechseln?
Nein. Ich mag die Vielfalt. Wenn ich eine zeitlang nichts schreibe, vermisse ich es und genieße es dann umso mehr.

Was war der schlimmste Ort, an dem Sie einen Podcast aufgezeichnet haben?
Wir müssen immer mal wieder neben Mülleimern aufzeichnen. Das geschieht natürlich nicht absichtlich, passiert aber einfach. Am schlimmsten ist es immer dort, wo es laut ist. Immer dann wenn wir eine schöne Bar gefunden haben und uns mit einem Bier hinsetzen, rangiert in der Nähe ein Lastwagen, mit großem Lärm.

Was war der bislang beste Platz einer Aufnahme?
Jede Bar ohne LKW in der Nähe. In diesem Jahr war das bei der Tour in einem Hotel-Restaurant in der Nähe von Romans-sur-Isère, auf einer Terrasse mit Blick auf einen Fluss – das war großartig.

Welcher Interviewpartner hat Sie am meisten beeindruckt?
Wahrscheinlich Marcel Kittel. Er ist eloquent, selbstsicher und zuversichtlich, aber auch charmant und freundlich. Er könnte arrogant sein, aber auf mich wirkt er nicht so.

Was war die größte Pleite bei einem Interview?
Keine richtige Pleite, aber Mark Cavendish kann ganz schön unangenehm sein. Wenn man ihm eine Frage stellt, die nicht geradlinig ist oder, schlimmer, kritisch herüberkommt, dann straft er Dich mit einem Blick der Verachtung. Mir ist das nach der ersten Etappe der Tour in diesem Jahr gelungen, und ich weiß immer noch nicht wie.

Lance Armstrong ist in diesem Jahr unter die Podcaster gegangen, nächstes Jahr plant er 50 Folgen seines „stages“-Podcasts. Wie stellen Sie sich der Herausforderung?
Er soll mal zeigen, was er draufhat. Als er in diesem Jahr zur Tour de France gestartet ist, haben wir uns gefragt, wie sich das auf uns auswirken wird, wenn überhaupt. Ich denke, dass er mehr Leute zum Podcast-Medium geführt hat – und so dazu beiträgt, dass der Markt wächst. Unsere Zuhörerschaft ist von 1,7 Millionen im Jahr 2016 auf 2,7 Millionen in diesem Jahr gewachsen.

 

ENGLISH VERSION

 

Behind the scenes

Richard, you are a former racing cyclist who represented Scotland at the 1998 Commonwealth Games. In the time trial you  completed the course on place 22, 5 minutes after the winner Eric Wohlberg. was that your best result?
No! It was a terrible performance. It sounds like an excuse, but I’d been ill in the days leading up to the road race and time trial. With my family I had a 'dream' holiday afterwards, which we'd all been looking forward to, but I was miserable.

Your character as a rider, rouleur, grimpeur, puncheur or baroudeur?
Bit of an all-rounder, though not a great sprinter. But I could climb and time trial okay. I was thinner back then.

How do you assess Lionel’s and Daniel’s (virtual) racing character?
Hmmm. Lionel’s a rouleur, certainly, about as useful in the hills as a chocolate teapot, while Daniel is more of a whimsical flâneur (podcast joke).

What is the most important aspect professional road racing has changed since then (1998)?
Fewer drugs, hopefully.

2017 season

If you try to sum up this year, who is your rider of the year?
Difficult not to pick Chris Froome, but I would actually say Tom Dumoulin. Dumoulin’s Giro win was more unexpected than Froome’s Tour and Vuelta wins. For personality and charisma, too, Dumoulin is my rider of the year.

What is the topic of the year?
We seemed to talk a lot about the famous ‘unwritten rules’ – when riders should wait in the event of a misfortune befalling the race leader. There were a few incidents – Dumoulin at the Giro, Froome at the Tour – when the question came into sharp focus. My view is that the unwritten rules are not worth the paper they’re not written on.

Alberto Contador has said goodbye with a series of attacks at the Vuelta. Are you going to miss him?
Yes. Few riders are as unafraid of attacking, to hell with the consequences. 

Spanish spectators and officials celebrated Contador’s career although he is a convicted doper. Do you have an understanding for that?
Yes, I think so. Bike racing is, or should be, about emotions – Contador understood that and tapped into fans’ emotions.

In Germany Jan Ullrich seems to be a persona non grata. Do you regret that.
I regret more that he doped, but it is bizarre that some riders are welcomed back into the fold (see Contador) while others are ostracised.

The Hammer Series is the attempt to stop all these boring road races. Did the debut succeed?
I enjoyed it, but I don’t think this style of racing will ‘replace’ traditional road races. I certainly hope not. I enjoy boring road races!

If you were the director of the TdF for one year, what would be your crucial step to get rid of boring stages?
Fewer sprinters’ stages.

Next season

The course of next year’s TdF has gained lots of applause. Yours, too?
Yes, I’m looking forward to the first half in the north – especially the pavé, of course. It's a proper Paris-Roubaix stage, and should be entertaining.

Who is going to win the duel of giants, Froome or Dumoulin?
I really don’t know.

What is the best weapon of Froome in this duel?
His team and his climbing ability (if he can recapture his best form of 2013-15).

What about Dumoulin?
His time trialling and his resilience.

The Cycling Podcast

Your first forays into podcasting were in 2008 and 2009, quite a while before The Cycling Podcast was born in 2013. What were the advantages of this outlet compared to your traditional publishing channels?
It’s fun and it’s a three-way conversation, so I find that I learn lots, too. I think the advantage of audio over other media, from the perspective of the listeners, is first and foremost that you can ‘consume’ it while doing something else. You can’t read a magazine while driving your car or washing the dishes, but you can listen to a podcast.

Is it sometimes hard for you to switch between traditional/old media outlets and the new ones?
No, I don’t think so. I like the variety. If I don’t write anything for a while I miss it and enjoy it more.

What was the worst recording spot for you during a race so far?
We always find ourselves recording by rubbish bins. It isn’t deliberate, it just happens. The ‘worst’ spot is always somewhere where there’s too much noise. Invariably if we find a nice bar and sit down with a beer a lorry will appear and start noisily reversing nearby.

What was the best recording spot?
Any nice bar where there isn’t a lorry reversing nearby. Actually, the nicest spot this year was at the Tour, in our hotel restaurant near Romans-sur-Isère, on a terrace overlooking a river – it was stunning.

Who was the most impressive person you have met for an interview?
Probably Marcel Kittel.

Why?
He is articulate, assured and confident, but also charming and friendly. He could be arrogant, but doesn’t seem so to me.

The worst fuck up during an interview?
Not a fuck up as such, but Mark Cavendish can be awkward to interview. If you ask him a question that isn’t straightforward, or, worse, that he perceives as some kind of criticism, he gives you the most withering look. I managed to offend him after stage one of the Tour this year, and I’m still not sure how.

Lance Armstrong will be one of your major competitors next year with 50 episodes of  his „stages“ podcast. How will you rise to the challenge?
Bring it on. When he launched his podcast at the start of this year’s Tour de France we wondered how it would affect us, if at all. What I think it did was introduce more people to podcasting – it helped grow the market. Our listenership at the Tour de France went from 1.7 million in 2016 to 2.7 million in 2017.

 

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