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Bilder von Leiden und Liebe zum Radsport

Es gibt viele Bücher und Zeitschriften, die – oft auf hochwertigem Papier und mit großflächigen Bildern – Radsportereignisse wie die Tour dokumentieren. Sie richten sich an die Chronisten unter den Radsportfans. Und dann gibt es – sehr selten allerdings – Bildbände, in denen es nicht um Zahlen und Fakten aus der Welt des Pelotons geht, sondern um Geschichten. Bücher, bei denen der Leser eintaucht in die Gesichter der Porträtierten und im Idealfall beim Betrachten der Bilder ihre Freude und ihr Leiden nachspüren kann. Einen der besten Bildbände dieser Gattung hat der Pulheimer Fotograf Hennes Roth mit seinem „Tourleben“ (Covadonga Verlag) vorgelegt.

 

 

Wer ist Hennes Roth? Mehr als vier Jahrzehnte lang, genauer: von 1972 (Olympische Spiele) bis zum Ende der Saison 2013 (Lombardei-Rundfahrt), hat der gebürtige Kölner den internationalen Profi- und Amateurzirkus als Bildreporter begleitet. Für den Covadonga Verlag hat Roth sein mehrere hunderttausend Fotos/Dias umfassende Archiv geöffnet. Herausgekommen ist ein exzellenter Bildband, der neben der jüngeren Geschichte des Radsports auch die Vita des vielleicht bekanntesten deutschen Radsport-Fotografen illustriert.

 

Was macht den Bildband so besonders? Zunächst ist es Covadonga-Verleger Rainer Sprehe in einem 16-seitigen Vorwort gelungen, nicht nur grundsätzlich der Faszination des Radsports auf die Spur zu kommen („große Emotionen vor großartiger Kulisse“, „formvollendete Einheit aus Mensch und Maschine“, „der entfesselte Mensch, aufgelöst in totaler Agonie und unbändiger Freude“), sondern auch Roths Berufsleben sehr anschaulich und anekdotisch zu bilanzieren. Ein Beispiel ist die Beschreibung von Roths akribischer Planung rund um den Frühjahrsklassiker Paris-Roubaix: vom Studium der Landkarten vom Nordosten Frankreichs (inklusive kleinster Wirtschaftswege) über Park-Tipps, die  „Schnitzeljagd mit viel eiligem Stop-and-Go“ vom einen Kopfsteinpflaster-Sektor zum nächsten und schließlich zum hektischen Aufbruch zum Zieleinlauf im Velodrom.

 

Der eigentliche Bilderteil ist nach Jahrzehnten sortiert und beginnt mit Schwarz-Weiß-Fotos aus den 1970er Jahren und vielen heute – außerhalb der Radsport-Insider-Szene – weitestgehend unbekannten Namen. Zwar tauchen sie auch auf, Legenden wie Eddy Merckx oder Luis Ocaña, doch daneben zahlreiche BRD- und DDR-Sportler, die längst in Vergessenheit geraten sind. Doch selbst das Betrachten der Unbekannten ist eine Bereicherung, denn bereits hier in den Siebzigern wird ein Stilprinzip von Hannes Roth sichtbar, einerseits seine Vorliebe für spannende Bildkompositionen wie bei den Aufnahmen der Dauphiné-Rundfahrt und von Paris-Nizza aus luftiger Höhe (s. unten).

 

Einzigartiges Gespür für Bildkomposition: Paris-Nizza mit dem Mont Faron über Toulon und...
Einzigartiges Gespür für Bildkomposition: Paris-Nizza mit dem Mont Faron über Toulon und...
...eine Luftaufnahme bei der Dauphiné Libéré, dem Vorbereitungsrennen zur Tour de France.
...eine Luftaufnahme bei der Dauphiné Libéré, dem Vorbereitungsrennen zur Tour de France.

 

Und zum anderen außergewöhnliche Gesichtsausdrücke, die den Radsport in all seinen Facetten widerspiegeln. Da ist der nach Sauerstoff japsende Belgier Michel Pollentier auf dem Weg nach Alpe d'Huez oder ein von Erschöpfung und Glück zugleich geschüttelter Olympiasieger Daniel Morelon. Oder eben der erst 22-jährige John Degenkolb, der als Neoprofi bei HTC Highroad 2011 Platz 19 bei Paris-Roubaix erzielt – auf dem Foto unten durchaus gezeichnet von Staub, Schlamm und Strapazen. Roth zoomt ganz nah heran und erzählt so die emotionalen Geschichten, die diesen Sport so wertvoll machen.

 

Gezeichnet von seinem ersten Paris-Roubaix-Rennen: der 22-jährige John Degenkolb.
Gezeichnet von seinem ersten Paris-Roubaix-Rennen: der 22-jährige John Degenkolb.

 

Im Kapitel der 1970er Jahre wird ein weiterer Bestandteil des Bildbands sichtbar, der ebenso seinen Reiz ausmacht wie die Leidens- und Glücksgeschichten, die sich in den Gesichtern spiegeln: Da Roth so früh schon in der Szene unterwegs war, hat er die berühmten Radrennfahrer von Beginn an abgelichtet. Unter den Bildern der jungen Profis ist etwa ein Foto aus dem Jahr 1975, das Didi Thurau bei der Siegerehrung eines Rennens in Unna zeigt, im ersten Jahr seiner Profikarriere; zwei Jahre später sollte er als 22-Jähriger gleich seiner ersten Tour de France den Stempel aufdrücken, indem er 15 Tage in Folge das Gelbe Trikot des Gesamtführenden trägt. 

 

20 Jahre alt, Rennen in Unna gewonnen – zwei Jahre später trägt er das Gelbe Trikot: Didi Thurau.
20 Jahre alt, Rennen in Unna gewonnen – zwei Jahre später trägt er das Gelbe Trikot: Didi Thurau.

 

Weiter hinten im Buch, im Kapitel der 2000er-Jahre, taucht dann auf einmal ein schüchterner, kurzhaariger  Jugendlicher auf, 2008 bei der Entgegennahme der WM-Silbermedaille bei den Junioren – der spätere mehrfache Profi-Weltmeister und Alleinunterhalter Peter Sagan. Oder der hochgewachsene Schlacks, der 2006, damals noch im Trikot von Kenia, sich beim Zeitfahren der WM in Salzburg kurz nach der Rampe versteuert und einen Offiziellen umnähtet: der spätere Dauer-Tour-Sieger Chris Froome.

 

Bei der Straßen-WM in Salzburg kollidiert der noch für Kenia startende Chris Froome im Zeitfahren der U23 mit einem Offiziellen.
Bei der Straßen-WM in Salzburg kollidiert der noch für Kenia startende Chris Froome im Zeitfahren der U23 mit einem Offiziellen.

 

Und so ist es die aufregende Mischung aus poetischen Bildern von Mensch(en) und Maschine(n) und Landschaft, actiongeladenen Szenenfotos (vieler Stürze) und vielsagender Porträts, die „Tourleben" zu einem einzigartigen Dokument der jüngeren Radsportgeschichte und ihrer Faszination macht. 

 

Einen Minimakel gibt es doch noch: Ein Namensregister fehlt, hätte dem Leser ermöglicht, bei einzelnen Fahrern eine Karriere in Bildern zu studieren.

 

Hennes Roth: Tourleben. Vier Jahrzehnte Radsportfotografie.

344 Seiten, 45 Euro. Covadonga Verlag, ISBN 978-3-95726-012-3

Hier zu bestellen.

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