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Jan Ullrich: „trotz allem eine sporthistorische Persönlichkeit“

Kaum ein Journalist kennt die deutsche Radsport-Szene besser als Jürgen Löhle. Mit seinem Buch „Die Tour de France“ blickt der Stuttgarter auf deutsche Profis und ihre Erfolge beim wichtigsten Radrennen der Welt. Im Interview mit dem Cyclin' Blog erklärt Löhle, was beim Grand Départ 2017 in Düsseldorf misslungen ist, plädiert für einen anderen Umgang mit Jan Ullrich und tippt, welcher deutsche Fahrer einmal ein großer Rundfahrer werden könnte.

 

Jürgen Löhle: Die Tour de France. Deutsche Profis und ihre Erfolge. Delius Klasing, 160 Seiten, 29,90 Euro, ISBN 978-3-667-10922-4
Jürgen Löhle: Die Tour de France. Deutsche Profis und ihre Erfolge. Delius Klasing, 160 Seiten, 29,90 Euro, ISBN 978-3-667-10922-4

In Ihrem Buch erinnern Sie an zahlreiche deutsche Fahrer, die im Verlauf der Tour-Geschichte mitgemischt haben. Einige davon sind weitestgehend in Vergessenheit geraten, andere in Ungnade gefallen. Welcher deutsche Fahrer oder welche Geschichte hat Sie bei der Recherche zum Buch am meisten überrascht?


In jeder Periode gab es Fahrer, die mich im Rückblick faszinieren. Ganz früher waren die deutschen Fahrer reine Amateure, und sie haben trotz schwieriger Rahmenbedingungen das Beste herausgeholt. Nach dem Krieg waren es besonders Fahrer wie Rudi Altig, Hennes Junkermann, Rolf Wolfshol oder Karl-Heinz Kunde, die in Frankreich große Leistungen abgerufen haben. Natürlich auch ein Dietrich Thurau, der als Jungspund ohne taktische Überlegungen, vollkommen unbekümmert die Tour gefahren ist – als ob es keinen Eddy Merckx geben würde. In jüngerer Zeit haben mich die kämpferische Art von Jens Voigt, oder aktuell die starken Sprinter um Marcel Kittel, André Greipel oder John Degenkolb begeistert. Aber auch die Leistung eines Jan Ullrich war trotz der bösen Umstände bemerkenswert. Ullrich ist zu einer furchtbaren Zeit gefahren, als Doping weit verbreitet war. In diesem vergleichbaren Zirkus war er aber der Einzige, der einer One-Man-Show von Lance Armstrong verhindern konnte. Die Tour wäre in den 2000er Jahren ohne Ullrich langweilig gewesen.

 



Wer ist Ihr persönlicher Liebling?


Grundsätzlich mag ich Typen wie Udo Bölts, der versucht hat, ohne groß zu jammern das Beste aus seinen Möglichkeiten zu machen. Als Kapitän des Teams Telekom ist er immerhin Neunter der Tour de France geworden. Doch er sagte danach: Mehr geht nicht. Ich stelle mich voll in den Dienst eines Kapitäns. Und das hat er mit einer Hingabe gemacht, die mir sehr imponiert.

 

Didi Thurau (li., neben Jan Raas, Jean-René Bernaudeau) als Vize-Weltmeister bei der Straßen-WM 1979, Foto: Bogaerts, Rob / Anefo, CC BY-SA 3.0 nl

Didi Thurau (li., neben Jan Raas, Jean-René Bernaudeau) als Vize-Weltmeister bei der Straßen-WM 1979, Foto: Bogaerts, Rob / Anefo, CC BY-SA 3.0 nl

 

Wenn ein Didi Thurau heutzutage mit bei der Tour fahren würde, welche Chancen hätte ein solcher Fahrer?


Er hätte gute Chancen. Heutzutage muss man gut im Zeitfahren sein und gleichzeitig die Berge gut hochkommen, Beides beherrschte er exzellent, und er konnte sich im Training und im Wettkampf richtig schinden. Auch seine Physiognomie war vorteilhaft, er hatte die Maße eines Rundfahrers und gute Hebel. Ich bin mir nur nicht sicher, ob sein Führungstalent ausgereicht hätte, ob er ein Chef hätte sein können, wie Armstrong oder Froome.

 



Die Tour ist in diesem Jahr nach vielen Jahren nach Deutschland zurück gekehrt, mit dem Prolog in Düsseldorf. Der Tag war ziemlich verregnete, wie lautet Ihre Bilanz, heiter oder wolkig?


Mir hat das ziemlich leid getan, weil es am Tag des Grand Departs vier Stunden geregnet hat, eben genau während des Zeitfahrens. Und doch werte ich den Tag im nachhinein insgesamt als heiter. Das Publikum war besonders am zweiten Tag, als die Tour nochmal einen Schlenker rund um Düsseldorf gemacht hat, total begeistert. Die Stimmung war so gut wie bei großen Radsportereignissen wie der Tour de France 1987 in Berlin oder Rad-WM 1991 in Stuttgart. Die Veranstaltung hat gezeigt, dass es in Deutschland weiterhin möglich ist, ein großes Sportereignis zu organisieren, bei dem fast alle Parteien mitziehen. Die rund 12 Millionen Euro, die Düsseldorf investiert hat, haben sich also ausgezahlt. Und doch gab es einen Makel: Beim Zeitfahren in Düsseldorf hätten die Veranstalter in der rutschigen Kurve, in der Valverde am Ende schwer gestürzt ist, mindestens einen Heuballen hinstellen müssen. Schon beim Aufwärmen hatte es sich nämlich am Vormittag abgezeichnet, dass diese Stelle problematisch sein würde. 


Verregnet, aber gute Stimmung: Der Grand Départ in Düsseldorf. Foto: Landeshauptstadt Düsseldorf

Verregnet, aber gute Stimmung: Der Grand Départ in Düsseldorf. Foto: Landeshauptstadt Düsseldorf

 

Es gab im Vorfeld viele Diskussion darüber, dass Jan Ullrich in Düsseldorf nicht erwünscht war. Haben Sie ihn vermisst?


Ja, auf jeden Fall. Für mich ist Jan Ullrich natürlich ein Dopingsünder, aber auch ein Opfer. Ein junger, unsicherer Mensch, der in einem Telekom-System gefangen war, das ausschließlich auf den Gewinn der Tour de France ausgerichtet war – er hat mir mal bei der Arbeit an einem Buch gesagt, dass er gerne auch mal den Giro auf Sieg gefahren wäre, aber nicht durfte. Ullrich hatte einfach nicht die Persönlichkeit, aus diesem System auszubrechen. Ich gehe zwar davon aus, dass er damals nicht sauber gefahren ist, aber das ist damals wohl keiner. Er hatte vermutlich Berater, die ihn dazu verdonnert haben, beim Thema Doping nichts zuzugeben, auch damit ihm kein noch größerer finanzieller Schaden entsteht. Hätte er sich damals, 2006 oder 2007, durchgerungen, Doping zuzugeben, wäre er heute bestimmt ein gerne gesehener Gast. Wie auch immer, 20 Jahre nach seinem Tour-Sieg ist er für mich trotz allem eine sporthistorische Persönlichkeit, der einzige deutsche Tour-Sieger, und zudem ein großartiger Radsportler. Düsseldorf hätte ihn zwar nicht auf einem Schild des Heiligen durch die Stadt tragen sollen, aber eingeladen hätte ich ihn auf jeden Fall. Man muss sich das mal vor Augen führen: Wir feiern zum Beispiel immer noch unsere 54-er Fußballhelden, obwohl es nicht widersprochene Studien gibt, die als Ergebnis haben, dass viele Spieler mit Aufputschmitteln gedopt waren. Es hat auch keinen gestört, dass die Fußball-Weltmacht Bayern München jahrelang von Pep Gardiola trainiert wurde, der als Aktiver in Italien zwei positive Dopingtests auf Nandrolon hatte. Deshalb wurde er aber trotzdem hofiert. Aber Jan Ullrich ist für viele immer noch eine persona non grata. Ich finde das nicht ok.



 

Lennard Kämna (Foto: Team Sunweb)
Lennard Kämna (Foto: Team Sunweb)

Nach dem Rückzug des Team Telekom war das Thema Radsport in Deutschland in der breiten Öffentlichkeit tot. Inzwischen sind die Fernsehsender wieder eingestiegen, und es gibt auch deutsche Teams, die ganz vorne mitmischen. Wie lange wird es dauern, bis es einen deutschen Fahrer gibt, der wieder bei der Tour im Gesamtklassement vorne dabei ist? Wer könnte das sein?

 


Wir haben vor zwei, drei Jahren große Hoffnungen in Emmanuel Buchmann gesetzt. Er ist mit Bora auch im richtigen, in einem deutschen Team, und doch scheint es bei ihm nicht ganz nach oben zu reichen. Heute sprechen alle von Lennard Kämna vom Team Sunweb (Foto: Team Sunweb). Solche Fahrer brauchen aber ein Umfeld, das auch ein Warren Barguil oder Tom Dumoulin hat, also viel Unterstützung und ein entsprechendes Aufbauprogramm. Dann könnte jemand wie Lennard Kämna von seinen körperlichen Voraussetzungen her ein ganz Großer werden. Er ist erst 21 Jahre alt und hat noch Zeit, mit Mitte 20 eine Rundfahrt zu gewinnen. Das Problem ist aber, dass wir mit Bora Hansgrohe nur ein richtiges deutsches Team haben, und das hat sich voll auf Peter Sagan fokussiert. Außerdem gibt es in Deutschland inzwischen viel zu wenig Radrennen und Rundfahrten, bei denen sich die jungen Fahrer über mehrere Tage testen können. 


Sie rekapitulieren in ihrem Buch, dass das Aus der Deutschland-Tour sich seinerzeit wie eine „Beerdigung der Rundfahrt für alle Zeiten anfühlte.“ Wie zuversichtlich sind Sie, dass die Wiederauferstehung der Deutschlandtour 2018 gelingt?


Ich habe dabei gemischte Gefühle. Das Rennen wird von der ASO ausgerichtet, dem Tour de France-Veranstalter. Das ist ein rein kommerzielles Unternehmen, und es bleibt abzuwarten, ob die ASO die Geduld aufbringt, damit sich die Deutschlandtour positiv entwickeln kann. Hinzu kommt, dass sich die Deutschlandtour zwei Tage mit der Vuelta überschneiden wird, daher kommt es darauf an, dass möglichst viele gute deutsche Fahrer dabei sein werden. Also: Ich freue mich, dass die Deutschlandtour kommt, ich hätte sie mir aber länger als vier Tage gewünscht.

 

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