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Zwischen Dynamit und Pinkelpause – Radsport-Wissen in schönster Buchform

Spätestens wenn im Frühjahr der Startschuss für die Klassiker fällt, beginnt bei den Fans auch das traditionelle Fachsimpeln zum Auftakt des Radsportjahres: Wer wird Held der Klassiker? Wer hat die besten Rundfahrten-Chancen? Das Buch „P wie Peloton“ liefert das ideale Rüstzeug für eine solche Konversation: sowohl Basics als auch wertvolles Hintergrundwissen zum Rennradsport.

 

Das bei Delius Klasing erschienene Buch von Suze Clemitson und Mark Fairhurst überzeugt nicht nur textlich, sondern auch in seiner Gestaltung. Das im Layout streng durchkomponierte Buch verzichtet komplett auf Fotos, stattdessen werden die Lexika-Einträge durch Bilder von Mark Fairhurst illustriert (ganz unten sieht man das Original-Layout).

 

Ein Auszug aus dem Buch mit freundlicher Genehmigung des Verlags: 

 

 

B wie Baroudeur

Herkunft und Übersetzung

> Frankreich; Abenteurer, Haudegen,

Ausreißer

 

Bedeutung

> Wer liebt sie nicht, die langen und einsamen Ausreißversuche, bei denen tapfere Underdogs meist vergeblich versuchen, vor der hetzenden Meute des Pelotons ins Ziel zu kommen. Die Franzosen haben einen Begriff für diese Einzelkämpfer: baroudeur. Er kommt ursprünglich aus dem Arabischen, dort bedeutet er »Dynamit«, aber im Französischen gilt er für Abenteurer aller Couleur, im Radsport allerdings sind damit die Wagemutigen treffend beschrieben, die schematische Rennverläufe sprengen wollen und angreifen.

 

Angeberwissen

> Schau mal, Jens Voigt wagt eine Attacke – er ist ein typischer Baroudeur.

 

 

J wie Jersey (Trikot)

Ein Radsport-Trikot ist ein Preis – das Gelbe, Rosa oder Braune Trikot für den Führenden der Gesamtwertung bei den drei Grand Tours. Daneben existieren noch diverse weitere, das Grüne oder das Weiße, das Rote oder das Blaue oder die Ikone aller Kletterziegen: das Gepunktete Trikot für den besten Bergfahrer. Aber ein Radsport-Trikot ist gleichzeitig immer auch eine vielfarbige Litfaßsäule, gespickt mit allen erdenklichen Sponsoren, sodass der Eindruck entsteht, das Peloton ist ein lebendes Kaleidoskop aus ständig variierenden Farben.

Einige der größten Trikots waren meist auch die simpelsten – Peugeots Schachbrettmuster, das ockerfarbene Molteni mit schwarzer Banderole, das Blau von Alcyon und das Türkis von Bianci oder das schlichte Rot von Saeco. Andere wiederum wurden von moderner Kunst inspiriert, wie das Trikot von La Vie Claire mit seinem Vorbild Mondrian oder die Pop-Art-Version eines Trikots von Brooklyn in Blau mit roten und weißen Streifen.

Die ersten Fahrradtrikots wurden aus Wolle hergestellt. Es folgte Seide, der Stoff war leichter sowie stylischer und sorgte für mehr Kühlung; die ersten dieser Trikots wurden in Italien getragen. 1941 erfanden die britischen Chemiker Dickson und Whinfield einen Stoff namens Polyester, der Feuchtigkeit sehr gut aufnimmt wie Wolle, aber dennoch leicht und kühlend ist wie Seide. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass es mit jedweder Farbkombination bedruckt werden kann, wie bei dem kultigen Mapei-Trikot bis hin zum hyperkinetischen Lampre-Jersey in Rosa, Blau und Limette. Die bekanntesten Trikots sind das maillot jaune, das Gelbe Trikot bei der Tour de France, das Rosa Trikot beim Giro d’Italia sowie das Regenbogentrikot des Weltmeisters.

 

Schon gewusst? 

> Eddy Merckx ist der einzige Fahrer, der alle drei Trikots – Bester in der Gesamt-, Sprint- und Bergwertung – beim Giro d’Italia 1968 und bei der Tour de France 1969 getragen hat. Zwei Fahrer haben diese herausragende Leistung bei der Vuelta wiederholen können: Tony Rominger 1993 und Laurent Jalabert 1995.

 

Angeberwissen

> Beim Giro d’Italia war es von 1946 bis 1951 üblich, den letzten Fahrer mit dem maglia nera, also dem Schwarzen Trikot »auszuzeichnen«, gut 60 Jahre bevor Rapha mit schwarzen Trikots einen Trend schuf.

 

 

N wie Natürliches Bedürfnis

Wir haben uns ja immer schon gewundert, wie Rennradfahrer Hunderte Kilometer fahren können, über Stunden, ohne jemals auf Toilette zu müssen. Tatsache ist aber: Weder können sie so lange einhalten, noch tun sie es. Wenn die »Natur ruft«, dann geschieht dies meist, indem sich das Peloton arrangiert und ein Großteil sich am Straßenrand aufreiht, um eine Pinkelpause einzulegen, wo immer sich ein relativ geschützter Ort anbietet. Gelegentlich sieht man auch, wie die Athleten es während der Fahrt versuchen: Ein Teamkollege hilft mit Stützhand, während sie mit Hüftschwung aus einem Hosenbein schlüpfen und so Spritzer möglichst zu vermeiden suchen. Die Kameramänner sind meist freundlich oder prüde genug, nicht mit der Linse direkt draufzuhalten, und es gibt ein ungeschriebenes Gesetz, wonach ein Fahrer nicht angegriffen wird, wenn er kurz aus dem Sattel geht und austreten muss. Aber wie alle ungeschriebenen Gesetze werden sie regelmäßig gebrochen. Louison Bobet attackierte Charly Gaul während einer Pinkelpause beim Giro 1951 und schnappte sich so die Etappe. Gaul wurde fortan »Chéri Pipi« genannt. Und 2000 wurde Laurent Jalabert ratlos zurückgelassen, als eine Ausreißergruppe einen Vorteil aus seinem Bedürfnis zog. Die französische Presse titulierte es als »Pisspott-Affäre«, im Ergebnis verlor Jalabert sein Gelbes Trikot. Als letzten Ausweg kann man natürlich auch einfach »laufen lassen«. Leichter geht es, wenn man bergab fährt und nicht zu viel Wind von vorn drückt, dann erhöht sich die Chance, dass man halbwegs trocken bleibt. Nicht zu empfehlen allerdings, wenn Sie Beinlinge tragen…

 

Schon gewusst? 

> Bei einem »großen Geschäft« empfiehlt sich eine Radkappe als »Auffangbehälter«.

> Die Topfahrerin Marijn de Vries hat eine Technik, die sie »Quick pee« nennt – maximale Erleichterung bei minimaler Entblößung.

> Bei der Tour wird »Urinieren in der Öffentlichkeit« mit einer Geldstrafe geahndet.

 

 

Suze Clemitson, Mark Fairhurst: P wie Peloton.

Das A bis Z des Rennradsports. 160 Seiten, 16,90 Euro, Delius Klasing 2017, ISBN 978-3-667-11059-6

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