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„Radsport ist in Italien mehr als nur ein Sport"

Lidewey van Noord ist tausende Kilometer durch Italien gepilgert, um die interessantesten Radsport-Geschichten zu sammeln. Dabei erfuhr die niederländische Journalistin, was die Fahrrad-Faszination in Italien ausmacht. Im Interview mit dem Cyclin' Blog blickt die Autorin des Buchs „Pellegrina“ zurück auf ihre Radsport-Wallfahrt.

 

Lidewey van Noord, Robert Jan van Noort: Pellegrina. Eine italienische Radsportwallfahrt. Aus dem Niederländischen von Ilja Braun. Covadonga Verlag, Bielefeld 2017. 208 Seiten, 24,80 Euro.

 

Lesen Sie auch die Leseprobe aus dem Buch zu Mario Cipollini.

 

Lidewey van Noord (Foto: Robert Jan van Noort)
Lidewey van Noord (Foto: Robert Jan van Noort)

Wie sind Sie zur Fahrrad-„Romantikerin“ geworden, wie Sie es in Ihrem Buch „Pellegrina“ beschreiben?

Lidewey van Noord: Vor dem Jahr 2004 hatte ich nie ein Radrennen gesehen. Im Juli des Jahres bekam ich eine richtig schlimme Grippe, nachdem mir die Weisheitszähne gezogen worden waren. Weil es mitten im Sommer und alle meine Freunde im Urlaub oder arbeiten waren, blieb mir nichts Anderes übrig als Fernsehen zu schauen. Und damals gab es im Fernsehen nur die Tour de France. Das war Liebe auf den ersten Blick, damals bin ich zu einem großen Radsportfan geworden, und ich habe dann fast jedes Rennen gesehen, das im belgischen oder niederländischen Fernsehen übertragen wurde.

 

In Ihrem Buch widmen Sie sich der italienischen Kultur des Radsports. Was unterscheidet diese von der in den Niederlanden, Belgien oder Frankreich?

Das Spezielle an der italienischen Radsport-Kultur besteht für mich darin, dass Rennen dort eher ein kulturelles statt nur sportliches Event sind. Italiener machen viele Dinge mit dem ganzen Herzen, und diese Passion betrifft jeden Teil ihres Lebens: die Art, wie sie sich dem Essen oder dem Wein widmen, wie sie über Fußball diskutieren oder sich kleiden. In diesem Sinne wird der Giro d’Italia nicht nur geliebt, weil er ein Radrennen ist, sondern auch wegen seiner Geschichte und weil er den Orten Leben einhaucht, durch die er führt, ob große Industriestadt oder kleines Bergdorf. Italien ist ein stark geteiltes Land, aber der Giro d‘Italia ist für alle Italiener da.

 

Sie erzählen in Ihrem Buch sehr viele Geschichten, welche ist Ihre liebste?

Kann ich schummeln und zwei nennen? Eine ist die von Gastone Nencini - und zwar insbesondere der Teil, in dem er seine zweite Frau trifft. Ich erinnere mich daran, wie ich im hübschen Wohnzimmer der Witwe sitze und ihre Augen glänzen, als sie mir die sehr romantische Geschichte erzählt, in der sie in Florenz in einer Apotheke arbeitet, an der er oft beim Training vorbei fuhr, und er sich schließlich doch traut, hinein zu gehen. Und wie er dann anfing, regelmäßig reinzukommen, um kleine Dinge zu kaufen, nur um mit ihr sprechen zu können. Meine andere Lieblingsgeschichte ist die von Eddy Mazzoleni. Es war so interessant und es hat mich so nachdenklich gestimmt, als ich mit ihm über Doping gesprochen habe, und auf eine gewisse Art und Weise hat er mir den Blick geöffnet. Ich glaube, dass von allen Gesprächen, die ich für „Pellegrina" geführt habe, das mit Mazzoleni die größten Auswirkungen auf mich hatte, und zwar auf die Art und Weise, wie ich Radsportler einschätze, mit ihnen und über sie spreche. Ich bin heute definitiv weniger ablehnend beim Thema Doping-Missbrauch. 

 

Eine Pilgerschaft verändert oft den Pilger, wie hat Ihre Reise Sie außerdem verändert?

Ich habe zunächst sehr viel gelernt. Als Robert Jan und ich mit der Arbeit an „Pellegrina" begannen, hatten wir noch keinen Verlag. Wir arbeiteten mehr als ein Jahr am Buch, ohne zu wissen, ob es jemals veröffentlicht würde. Wir haben viel Geld und Zeit investiert, um für die Geschichten, Interviews und Fotos durch Italien zu reisen, und manchmal haben wir uns gefragt, ob es die Mühe am Ende wert sein würde. Ich war in Italien, bin gerade 300 Kilometer gefahren, um ein Museum zu besuchen, das an einem Dienstag geöffnet sein sollte, und an der Tür stand auf einem Stück Papier „Nur sonntags geöffnet". Ich wollte häufig das Projekt aufgeben, habe mehrfach gedacht, dass dies doch nur eine Geldverschwendung ist oder dass meine Geschichten nicht gut genug sind. Aber Robert Jan hat mich immer wieder motiviert weiterzumachen, und heute bin ich ihm so dankbar dafür! Wir haben nie damit gerechnet, dass „Pellegrina“ ins Deutsche übersetzt oder in den Niederlanden für den „Sportbuch des Jahres"-Preis nominiert werden könnte – aber das ist tatsächlich passiert. „Pellegrina“ hat sich als Selbstvertrauens-Schub entpuppt, als Beweis dafür, dass, wenn man an eine Idee wirklich glaubt, man sie verfolgen sollte, auch wenn (noch) keiner an einen glaubt. 

 

Sie verfolgen in Ihrem Buch fast ausschließlich die Pfade männlicher Radsportler, gibt es nicht mehr berühmte Radsportlerinnen aus Italien?

Grundsätzlich ist es so, dass wir bemerkenswerte Geschichten gesucht haben, und weil eben mehr Bücher und Artikel über männlicher Radsportler geschrieben werden, greift man diese auch als erste auf. Es war keine bewusste Entscheidung, uns sind einfach nicht mehr weibliche Radsportler bei den Recherchen über den Weg gelaufen, außer Michela Fanini, über die ich im Buch geschrieben habe, und Alfonsina Strada - die Lebensgeschichte von Strada ist sehr spannend, aber es gibt schon zwei Bücher über sie, daher hat sie es nicht in unsere endgültige Auswahl geschafft.

 

Ihr neuestes Buch widmet sich Peter Sagan. Was macht ihn so herausragend?

Sagan ist wirklich außergewöhnlich, ein richtiger Charakterkopf, und wenn Sie wissen wollen, was an ihm als Rennfahrer so besonders ist, müssen Sie sich nur sein Alter und seinen Palmares anschauen.

 

Über welchen niederländischen Fahrer würden Sie gerne einmal ein Buch schreiben?

Entweder über Michael Boogerd, weil er so ein toller Radsportler und netter Typ ist, oder Bram Tankink, weil er richtig witzig ist und ich bei der Arbeit am Buch eine gute Zeit mit ihm haben würde. Wenn ich einen internationalen Fahrer wählen dürfte, wäre das definitiv Taylor Phinney. Er ist ein interessanter Typ, der weiß, dass es im Leben mehr gibt als Radfahren alleine, und auch er hat einen tollen Humor.