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Brillanter Chronist von Lust und Leid im Radsport

Wenn die großen Rundfahrten epische Erzählungen von Leid und Lust sind, dann sind sie die besten Chronisten der Helden auf zwei Rädern: der Tross an Fotografen, die entlang der Strecke oder als Beisitzer waghalsiger Motorradfahrer das Peloton bei seinem Kampf ablichten. Philipp Hympendahl gehört zu den bekannteren Radsport-Spezialisten seiner Zunft. Und doch wählt der Düsseldorfer für seine Bilder oft einen radikal anderen Ansatz als seine Kollegen, wie sein Buch „Beyond the Finish Line. Momente des Radsports“ dokumentiert.



Denn während seine Kollegen an einem Renntag massenweise Fotos schießen und am Ende aus dem digitalen Datenwust für die Internet-oder Zeitungsberichterstattung ein paar Dutzend gelungener Bilder destillieren, arbeitet Hympendahl von vornherein stark selektiv. Er fotografiert analog, mit einer 6x17 Panorama-Rollfilm-Kamera. Vier Bilder pro Film, dann muss gewechselt werden – und die Fahrer sind über alle Berge. Ein Risiko, ist eine solche Kamera doch eigentlich für andere Zwecke gedacht. Gelingt die radikale Fokussierung jedoch, entstehen Fotos, die das Faszinosum Radsport so gut einfangen wie es kaum einem Presse-Fotografen gelingt.



Die meisten Fotos Hympendahls aus dem im Heel Verlag erschienenen Buch sind Panoramafotos, extreme Querformate, die entsprechend viele Facetten einer Rennszene dokumentieren. Da gibt es die Wimmelbilder, auf denen ein kleines Pulk an Rennfahrern dahin rast und der Betrachter des Fotos rechts und links von der Strecke (z.B. von Paris-Roubaix oder der Tour de France am Champs Élysée in Paris) in Dutzenden Gesichtern die Aufregung der Zuschauer ablesen kann. Daneben zeigt der Band einige künstlerisch, fast schon grafisch anmutende Fotos z.B. von der Auffahrt zum Mont Ventoux. Rasende Stillleben, wie beim Amstel Gold Race entstanden: Rechts eilt das Peloton vorbei, von ihm sind nur verschwommene Tempo-Striche zu sehen; links im Bild hängt an einer Hauswand eine Jesusfigur am Kreuz - eine doppelte Geschichte des Leidens, ein Dokument der Entschleunigung inmitten der Raserei. Dann gibt es die Schnappschüsse (vermutlich mit einer anderen Kamera gemacht), meist von Fans, die am Wegesrand schlummern oder an Masten ausharren, um den besten Blick aufs Fahrerfeld zu erhaschen.


Beim Gros der Fotos hat der Fotograf, der hauptberuflich für den Industriekonzern Henkel arbeitet, das Farbspektrum stark reduziert, bis hin zu Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Auf diese Weise wirken die Szenen angesichts der scharfen Kontraste umso dramatischer. Das Lieblingsfoto Hympendahls ist ein fast quadratisches Bild, das im Vordergrund eine scharfe Kurve hoch nach Alpe d‘Huez zeigt, mitsamt einer verschwommenen Fahrergruppe, die übers Straßengrafitto keucht, das Ganze vor einer mächtigen Naturkulisse in den französischen Alpen. Sechs Exemplare hat der Fotograf von dem Bild abgezogen und auf das gigantische Maß von jeweils 1,80 mal 2,30 Meter vergrößert.


An einigen Stellen im Buch werden die Fotostrecken von Texten Tim Farins unterbrochen, der aus verschiedenen Perspektiven journalistisch sowie essayistisch und auch poetisch der Radsport-Passion und einigen Aperçus in der Welt der Rennradfahrer nachgeht.


Mehr Infos zu Philipp Hympendahl auf www.edition-hympendahl.de.


Philipp Hympendahl, Tim Farin: Beyond the Finish Line. Momente des Radsports. Bildband mit zahlreichen Fotografien, gebunden, 128 Seiten, 29,95 Euro, ISBN 978-3-95843-228-4


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