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Ein Profi im Ausnahmezustand

Dies sei die „schockierendste Doping-Autobiografie, die der Profiradsport hervorgebracht hat“, erklärte der Radsport-Journalist Daniel Friebe nach der Lektüre von Thomas Dekkers Buch „Unter Profis“. Cyclin’ Blog bringt einen Auszug aus dem erschütternden Sittengemälde eines Pelotons der Exzesse.

 

Um wem geht es? Thomas Dekker erlebte als junger Radprofi einen kometenhaften Aufstieg. Stark in den Bergen und als Zeitfahrer fährt Dekker zahlreiche Erfolge für das Team Rabobank ein, z.B. bei Tirreno–Adriatico und bei der Tour de Romandie. In seiner Autobiografie zeichnet Dekker nach, dass ihm der Aufstieg nicht schnell genug ging: Mehr Siege müssen her – und mehr Geld, mehr Frauen, mehr Drogen. Bald sind Sex- und Alkoholeskapaden die Regel, ebenso wie Doping, angeleitet vom berühmt-berüchtigten Dr. Fuentes. Bei der Nachkontrolle einer alten Urinprobewird Dekker des EPO-Missbrauchs überführt. Ein nahezu aussichtsloser Kampf zurück in die Weltspitze beginnt...

 

Der folgende Auszug zeigt, wie Dekker als Jungprofi mit Hilfe von Fuentes Tirreno–Adriatico gewinnt – der erste große Sündenfall Dekkers.

 

Auszug aus dem Buch, 14. Kapitel:

Ich sitze im Flugzeug. Mein Käppi habe ich tief ins Gesicht gezogen. Ich habe die SIM-Karte aus meinem Handy genommen: Heute und morgen bin ich nicht erreichbar. Kaum jemand weiß, wohin ich unterwegs bin. Meine Eltern nicht, meine Schwester nicht, mein Team nicht. Nur Jacques weiß, dass ich eine Verabredung mit Eufemiano Fuentes habe.

Es ist der 4. März, der Samstag vor Tirreno–Adriatico. Vor ein paar Tagen habe ich Fuentes eine Nachricht aufs Mobiltelefon geschickt, mit einem Prepaid-Handy, das ich speziell für die Kontaktaufnahme mit ihm gekauft habe. Es war eine kurze SMS. Eine Zeile, mehr nicht. Eine Begrüßung auf Englisch, dahinter meine Ankunftszeit in Madrid und schließlich eine Zahl. Meine eigene Nummer: 24. Ich drückte auf »Senden«, und nur ein paar Minuten später bekam ich eine Antwort-SMS. Eine Bestätigung (»OK«) und der Name des Hotels, wo wir uns treffen.

Es ist dasselbe Hotel wie beim letzten Mal: Diana TRYP Hotel in der Nähe des Flughafens. Auch die Prozedur wird dieselbe sein, nur umgekehrt. Ich fliege nicht nach Madrid, um Blut abzugeben, sondern um es meinem Körper wieder zuführen zu lassen.

Das Flugzeug ist voll mit Touristen und Geschäftsleuten. Vor mir sitzen zwei Frauen und unterhalten sich über das Wetter in der Toskana, neben mir sitzt ein Mann im Anzug, der an seinem Laptop arbeitet. Ich schaue durch das Fenster nach unten und denke an den Blutbeutel, der in Madrid auf mich wartet. Ich bin ein wenig angespannt, aber ich habe das Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben. Mir ist bewusst, dass ich offenbar ganz gut bin in dem Spiel, das wir hier spielen. Ich denke nach vor jedem Schritt, den ich tue. Ich mache keine Fehler. Ich schicke keine SMS mit einem Handy, das man mir zuordnen könnte; ich kann schweigen und rede nicht ungefragt. Ich frage mich, ob ich in einem anderen Leben wohl auch eine kriminelle Laufbahn hätte einschlagen können. Die Antwort ist eher ja als nein.

Es ist schon spät, als das Flugzeug in Madrid landet. Ich nehme ein Taxi zum Hotel. Fuentes hat mir eine SMS mit der Zimmernummer geschickt. Ohne jemand anzusehen, gehe ich durch die Lobby und über die Hotelflure. Am richtigen Zimmer angekommen, klopfe ich an der Tür. Fuentes macht auf, ich trete ein. Es ist die gleiche Art von Hotelzimmer wie beim letzten Mal. Dunkel, die Vorhänge zugezogen, eine glänzende Überdecke auf dem Bett. Wir wechseln kaum ein Wort miteinander. Wir haben uns nichts zu sagen. Ich habe nicht das Gefühl, dass er überhaupt daran interessiert ist, wer ich bin oder was ich tue. Ich bin eine Nummer für ihn, mehr nicht. Und ich bin nicht allein. Ich bin die Nummer 24, das sagt mir genug: Es gibt mindestens 23 andere.

Fuentes kramt einen Blutbeutel aus dem Rucksack, den er bei sich hat. Er hält mir den Beutel hin und zeigt auf die Nummer. »Check this please«, sagt er. Ich erkenne meine Nummer und meine Handschrift. Ich nicke. Dann nimmt er ein Bild von der Wand, eines dieser typischen Hotelzimmer-Stillleben mit Blumen. Er hängt den Blutbeutel an den freien Nagel. Ich ziehe meine Jacke aus und lege mich aufs Bett. Fuentes beginnt, meinen Arm mit einem Wattebausch mit Betadine zu desinfizieren. Er lässt sich ausgiebig Zeit dabei und sagt, dass es sehr wichtig sei. Dann sticht er eine Nadel in meinen Arm. Die Nadel ist dicker, als ich es von meinen früheren Injektionen mit Regenerationsmitteln gewohnt bin. Sie ist deshalb so dick, damit die roten Blutkörperchen nicht beschädigt werden. Fuentes schließt einen Infusionsschlauch an den Blutbeutel an und dreht den Hahn auf. Mein Arm beginnt zu kribbeln, als das kalte Blut in mich hineinrinnt. Es fühlt sich an wie eine Gänsehaut, aber auf der Innenseite meines Armes. Fuentes sitzt am Schreibtisch auf einem Stuhl.

Fünfzehn Minuten später, als der komplette Inhalt des Beutels in meinen Arm gelaufen ist, steht er auf. Er nimmt den leeren Beutel von der Wand und verstaut die Nadeln in seiner Tasche. Er zieht seinen Mantel an, schüttelt mir die Hand und sagt: »Hasta luego.« Ich bleibe in dem Hotelzimmer; mein Rückflug nach Pisa geht erst am nächsten Morgen. Ich ziehe meine Schuhe aus und starre an die Decke. Mich friert es und ich bin nicht begeistert von der Idee, noch eine Nacht in einem Zimmer zu verbringen, in dem ich gerade etwas getan habe, wofür ich jahrelang gesperrt werden könnte.

Ich versuche, mich zu entspannen, aber es gelingt mir nicht. In dieser Nacht schlafe ich schlecht und unruhig. Ich bin froh, als endlich der Morgen anbricht: Ohne Frühstück breche ich auf zum Flughafen und steige in den Flieger zurück nach Pisa.

Im Flugzeug kommt die Euphorie. Ich habe es getan. Ich habe es geschafft. Ich habe mir selbst dieses Geschenk gemacht. Ich kann es nicht erwarten, endlich auf mein Fahrrad zu kommen; ich will wissen, wie es sich anfühlt. Jeder Radsportler ist neugierig, wie es wohl ist, auf Doping zu fahren, und ich bin doppelt und dreifach neugierig. Sobald ich zu Hause bin, schnappe ich mir mein Rad. Ich fühle es, bevor ich überhaupt aus Lucca raus bin. Ich habe richtig Power in den Beinen. Ich fahre so mühelos, dass mir angst und bange wird. Ich muss mich zurückhalten, um nicht jeden Anstieg mit Vollgas hochzuknallen. Ich flüstere mir selbst zu: »Immer mit der Ruhe.«

Tirreno–Adriatico beginnt an einem Mittwoch. Am Morgen vor der ersten Etappe gibt es eine Kontrolle von der UCI, dem Radsportweltverband. Mein Hämatokritwert wird gemessen: 44,5 – kein Grund zur Sorge also. Ich bewege mich immer so um diesen Wert. Im Rennen merke ich, dass ich an jedem Anstieg noch Reserven habe. Die ersten Etappen überstehe ich mit Leichtigkeit. Beim Team sehen sie, dass ich gut in Form bin; Fahrer wie Michael Boogerd, Óscar Freire, Juan Antonio Flecha und Marc Wauters halten mich aus dem Wind. Bei einer Schlechtwetter-Etappe mit heftigem Wind und viel Regen bleibt Wauters den ganzen Tag an meiner Seite – sogar wenn ich anhalte, um zu pinkeln. Er holt meine Regenjacke vom Auto, er hilft mir, sie anzuziehen, als ich mich darin verheddere, er lotst mich durchs Peloton. Es tut mir gut, dass sich ein Fahrer wie Wauters für mich aufopfert. Ich fühle mich unbesiegbar. Und nein, ich fühle mich nicht schuldig. Ich mache mir weis, dass ich nichts Unredliches tue. Die anderen tun es doch auch. Ich sage mir, dass ich nur getan habe, was notwendig war, um mit den großen Jungs Schritt zu halten – nicht mehr und nicht weniger.

Zwei Tage vor dem Ende der Rundfahrt steht ein Zeitfahren auf dem Programm. Es gibt noch dreizehn Fahrer, die sich Chancen auf den Gesamtsieg ausrechnen können, und ich bin einer von ihnen. Im Zeitfahren distanziere ich alle Konkurrenten um die Gesamtwertung. Ich werde Etappendritter hinter Fabian Cancellara und Leif Hoste, aber ich übernehme das Leadertrikot. An den letzten beiden Tagen fahren sich meine Teamkollegen das Weiße aus den Augen, um mich sicher ins Ziel zu bringen. Bis zum Schluss gibt es Attacken, aber niemand kommt mehr weg. In San Benedetto del Tronto, dem Ziel der letzten Etappe, rolle ich mit erhobenen Armen über den Zielstrich. Ich habe Tirreno–Adriatico gewonnen, vor Jörg Jaksche und Alessandro Ballan. Jaksche wird mir später erzählen, dass er das Rennen auf zwei Blutbeuteln gefahren sei, die er im Winter abgeliefert hat.

Ich werde aufs Podium gerufen. Danach geht es zur Pressekonferenz. Ich muss Bürgermeistern und Sponsoren die Hand schütteln. Mein Mobiltelefon hört nicht auf zu klingeln. Journalisten, Familie, Freunde. Am Abend essen wir zusammen mit dem gesamten Team – eine Flasche Champagner nach der anderen wird entkorkt.

Es ist spät am Abend, als ich die Tür zu meinem Hotelzimmer öffne. Ich setze mich auf die Kante des Bettes und breche Fahrer wie Wauters für mich aufopfert. Ich fühle mich unbesiegbar. Und nein, ich fühle mich nicht schuldig. Ich mache mir weis, dass ich nichts Unredliches tue. Die anderen tun es doch auch. Ich sage mir, dass ich nur getan habe, was notwendig war, um mit den großen Jungs Schritt zu halten – nicht mehr und nicht weniger.

Zwei Tage vor dem Ende der Rundfahrt steht ein Zeitfahren auf dem Programm. Es gibt noch dreizehn Fahrer, die sich Chancen auf den Gesamtsieg ausrechnen können, und ich bin einer von ihnen. Im Zeitfahren distanziere ich alle Konkurrenten um die Gesamtwertung. Ich werde Etappendritter hinter Fabian Cancellara und Leif Hoste, aber ich übernehme das Leadertrikot. An den letzten beiden Tagen fahren sich meine Teamkollegen das Weiße aus den Augen, um mich sicher ins Ziel zu bringen. Bis zum Schluss gibt es Attacken, aber niemand kommt mehr weg. In San Benedetto del Tronto, dem Ziel der letzten Etappe, rolle ich mit erhobenen Armen über den Zielstrich. Ich habe Tirreno–Adriatico gewonnen, vor Jörg Jaksche und Alessandro Ballan. Jaksche wird mir später erzählen, dass er das Rennen auf zwei Blutbeuteln gefahren sei, die er im Winter abgeliefert hat.

Ich werde aufs Podium gerufen. Danach geht es zur Pressekonferenz. Ich muss Bürgermeistern und Sponsoren die Hand schütteln. Mein Mobiltelefon hört nicht auf zu klingeln. Journalisten, Familie, Freunde. Am Abend essen wir zusammen mit dem gesamten Team – eine Flasche Champagner nach der anderen wird entkorkt.

Es ist spät am Abend, als ich die Tür zu meinem Hotelzimmer öffne. Ich setze mich auf die Kante des Bettes und breche in Tränen aus. Alles kommt heraus, alles bricht sich Bahn. Die Freude, all die Trainingswochen, in denen ich mich abgerackert habe, aber auch der Stress. Die einsamen Monate in einem italienischen Hotel, die geheimen Ausflüge nach Madrid, von denen ich niemandem etwas erzählen darf – es ist alles einfach zu viel für mich. Plötzlich bin ich nur ein kleiner einsamer Junge. Marc Wauters, mein Zimmergenosse in dieser Nacht, setzt sich neben mich aufs Bett. Er legt seinen Arm um mich. Ich fühle mich sehr, sehr klein.

 

Thomas Dekker mit Thijs Zonneveld: Thomas Dekker. Unter Profis, 242 Seiten, Covadonga Verlag 2017, ISBN 978-3-95726-024-6, 14,80 Euro (Print, auch als E-Book erhältlich)